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Die Atlantik-Brücke muss intakt bleiben

Unser Verhältnis zu den USA ist eine Frage des Verstandes, aber auch des Herzens

- Eindrücke von einer Reise der deutsch-amerikanischen Gesellschaft (GFDAF) -

von Werner Dörflinger

Wer von der Gastfreundschaft seiner amerikanischen Gastgeber überwältigt ist und ihnen beim Abschied zuruft, das Wort Faszination sei unter den Besuchern aus Deutschland in den letzten Tagen die meistgebrauchte Vokabel gewesen, tut sich schwer, einigermaßen objektiv an die Frage heranzugehen, wie es um das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland bestellt ist, ob die Brücke über den Atlantik, ohne die es weder ein freies, noch ein wiedervereinigtes Deutschland gäbe, intakt ist, oder unter Erosion leidet.

Ich will es, in angemessener zeitlicher Distanz zu der Reise versuchen, die eine Delegation der von mir geleiteten Gesellschaft zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft (GFDAF) nach Kentucky, Tennessee und Washington unternommen hat. Ich bitte aber um Verständnis, wenn ich gleich vorneweg meinen ganz persönlichen Wunsch für die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen in jenes Bild kleide, das ich bei einem stimmungsvollen, festlichen Abend am Ufer des Potomac in Washington in meinem Toast auf unsere Gastgeber gebraucht habe: "Ich wünsche mir, dass das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland wieder jenes Tempo aufnimmt, das wir gehabt haben, als wir mit einer Geschwindigkeit von über 50 Meilen per Motorboot über die Kentucky-Seen 'gedüst' sind."

Welches Deutschland-Bild hat der "durchschnittliche" Amerikaner, was weiß er über deutsche und europäische Politik? Unsere Gesprächspartner in Kentucky waren zumeist betont religiös ausgerichtete Frauen und Männer mit einer konservativen Grundeinstellung und neigten - bei durchaus differenzierter Haltung zum Irak-Krieg - mehrheitlich zu Präsident Bush. Das Spektrum, in dem sich ihr Wissen über Deutschland und Europa offenbarte, lässt sich in seiner Vielfalt vielleicht am ehesten mit den zwei folgenden Momentaufnahmen illustrieren:

Einem unserer generösen Gastgeber, der uns zu einem Abend der Extraklasse hoch über dem Kentucky-See eingeladen hatte, überreichte ich eine Berlin-Medaille mit dem Brandenburger Tor. Zu meinem Erstaunen frug er zurück, was denn das Brandenburger Tor sei. Als ich ihm aber erklärt hatte, dass das unbehinderte Passieren dieses Tores eng mit der Präsenz und dem Einfluss der USA zu tun habe und der damalige US-Präsident Ronald Reagan vor diesem Tor im Jahre 1988 Gorbatschow dazu aufgerufen habe, die Berliner Mauer einzureißen, kam er mehrfach spontan auf mich zu, um sich für die Auszeichnung zu bedanken. Da gab es aber auch einen politisch bestens informierten Mann mittleren Alters, von Beruf Handelsvertreter, der jede Minute, und das oft bis in die Nacht hinein, zum politischen Diskurs nutzte und beim Abschied sagte, "er wolle im nächsten Jahr nach Deutschland kommen, um für unseren Abgeordneten Thomas Dörflinger Wahlkampf zu machen und die Erfahrungen einzubringen, die er als Bush-Wahlkämpfer gemacht hat."

Aus den zahlreichen offiziellen Begegnungen, zu denen auch ein Besuch in der Universität Murray und ein Empfang durch die lokale Polit-Prominenz zählten, aus vielen persönlichen Gesprächen und aus der Resonanz auf meine Ansprachen lassen sich, was das deutsch-amerikanische Verhältnis angeht, insgesamt folgende Schlüsse ziehen:

  • Für die USA ist Deutschland nach wie vor der wichtigste Partner in Europa. Man sieht Deutschland aber in der Gefahr, unter dem Einfluss Frankreichs, dem man ziemlich offen misstraut, in ein anderes politisches Koordinatensystem hineingezogen zu werden, in dem das Dreieck Paris / Berlin / Moskau an Dominanz gewinnt und die atlantische Partnerschaft an Bedeutung verliert. Da man aber die "gelenkte Demokratie" à la Putin in Russland mit wachsender Sorge verfolgt, befürchtet man, dass die Umorientierung deutscher Außenpolitik letztlich auch zur Auflösung der Wertegemeinschaft zwischen den USA und Deutschland führen könnte.
  • Die USA erwarten von Deutschland keineswegs, dass es jeden Schritt amerikanischer Politik kritiklos unterstützt, umso weniger, als es ja z.B. zum Irak-Krieg auch eine heftige innenpolitische Diskussion in Amerika gibt. Aber man erwartet eine politische Rhetorik, wie sie dem Umgang unter engen Freunden entspricht. Dazu gehört auch eine realistische Einschätzung dessen, was Europa, dessen Einigung sich die USA wünschen, tatsächlich und konkret zu leisten in der Lage ist.
  • Die meisten unserer Gesprächspartner sehen Bundeskanzler Gerhard Schröder als einen Mann ohne feste Prinzipien, als "Medienkanzler", der auf der Klaviatur der öffentlichen Meinung glänzend zu spielen vermag. Sie ziehen dabei einen direkten Vergleich zu Bill Clinton, dem man im betont konservativ geprägten mittleren Westen der USA freilich auch bis heute dessen moralische Eskapaden ankreidet und vielleicht den politischen Leistungen des Bush-Vorgängers auch nicht ganz gerecht wird.
  • Auch wenn wir wissen, dass in der Politik Dankbarkeit am wenigsten zählt und die Zukunft eines Bündnisses nicht allein aus den Glanzstücken der Vergangenheit gezimmert werden kann: Die USA erwarten von Deutschland schon, dass es sich dessen bewusst ist, dass es weder ein freies noch ein wiedervereinigtes Deutschland ohne die USA gäbe und dass z.B. der frühere US-Präsident George Bush derjenige war, der mit seinem Machtwort die ausgeprägte französische und britische Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung überwinden half. Ich komme zu dieser Einschätzung nicht zuletzt deswegen, weil ich ganz genau gespürt habe, wie viel emotionale Sympathie mir entgegenschlug, wenn ich in meinen Ansprachen darauf eingegangen bin, was Deutschland seinem mächtigsten Verbündeten zu verdanken hat.

Daraus und aus dem Erlebnis einer menschlich anrührenden Gastfreundschaft heraus ergibt sich für mich die Schlussfolgerung, dass unser Verhältnis zu den USA nicht nur eine Frage des Verstandes, sondern auch des Herzens ist. Die Brücke über den Atlantik muss intakt bleiben und in ihren Grundpfeilern neu befestigt werden. Deutschland kann und soll daran selbstbewusster als früher mitarbeiten. Aber es darf nie einen Zweifel daran zulassen, was im ureigenen deutschen und europäischen Interesse Priorität hat. Ich interpretiere das abschließend mit einem bemerkenswerten Wort des britischen Premierminister Tony Blair:

"Wenn Europa und die USA an verschiedenen Tischen sitzen, werden Russland und China diese beiden Tische gegeneinander ausspielen."

Nachfolgende Fotos und Artikel geben Ihnen Impressionen von der Reise 2005:

 

 

 

 

 

Lesen Sie auch: Den Artikel in der "Murray Ledger" über die Reisegruppe (Teil 1, JPG) (Teil 2, JPG)

Weitere Bilder der Reise...

 

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Letzte Änderung dieser Seite: 14.06.2005