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Sehr
geehrter Herr Minister,
liebe Frau Wörner,
meine Damen und Herren!
Lieber
Rudolf,
für die Auszeichnung mit der Manfred-Wörner-Medaille
möchte
ich Dir herzlich danken. Sie ist eine große
Ehre für mich.
Krieg zu verhindern und Frieden zu gestalten, das
hat mich mein
Leben lang begleitet: Zuerst in den Bombennächten
als kleines
Kind, dann über die Beschäftigung mit der
deutschen
Besatzungszeit als Student in Kopenhagen, als Begleiter
von
Zeugen während des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt,
als
Teilnehmer an Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen als
Jungsozialist und schließlich als Mitglied des
Bundestages und
der Parlamentarischen Versammlung der NATO. Die Auszeichnung
heute empfinde ich als Ansporn, mich jetzt und zukünftig
im
Sinne des Stiftungszweckes der Medaille weiter einzusetzen.
Liebe
Frau Wörner,
über die Auszeichnung freue ich mich insbesondere
auch deshalb,
weil sie den Namen von Manfred Wörner trägt.
Mein
parlamentarisches Wirken im Bundestag und in der
Parlamentarischen Versammlung der NATO war über
lange Zeit auch
mit dem politischen Leben Ihres Mannes Manfred Wörner
verknüpft. Einerseits waren wir als Sprecher
von Regierung und
Opposition naturgemäß Kontrahenten. Außerdem
kamen wir aus
unterschiedlichen politischen Milieus: Hier der provozierende
ehemalige Juso-Vorsitzende, dort der konservative
Offizier der
Reserve. Mögen unsere politischen Lösungen
und Wege auch
verschieden gewesen sein, bereits während der
Debatte über den
NATO-Doppelbeschluss zeigte sich eine zunehmendes
Maß an
Übereinstimmung unter uns. Diese trat dann offen
während des
deutschen Einigungsprozesses zu tage. Uns einte das
Bekenntnis zu
den transatlantischen Beziehungen sowohl aus Werte-
und
Interessenverbundenheit als auch aus politischer und
strategischer Einsicht. Ferner einte uns unser Einsatz
für die
europäische Integration und die multilaterale
Einbindung
Deutschlands. Wir wussten, dass wir nur so den friedlichen
Ausgleich mit unseren zumeist kleineren Nachbarstaaten
finden
konnten - und nach wie vor finden können -, indem
diese sich
sicher fühlen, dass im multilateralen Verbund
mit Deutschland
ihre eigenen Interessen mit denen Deutschlands unauflöslich
verknüpft sind.
Es
war ein Glücksfall, dass Manfred Wörner
während der
Wiedervereinigung Deutschlands und bei der Vorbereitung
der
ersten Runde der NATO-Osterweiterung NATO-Generalsekretär
war.
Leider hat er die erste Aufnahme mittel- unf osteuropäischer
Staaten in die NATO nicht mehr miterleben dürfen.
Es hätte ihm
sehr viel bedeutet. Er ist viel zu früh von uns
gegangen.
Meine
Damen und Herren,
auch zu Beginn des 21. Jahrhundert bleibt die Aufgabe,
Frieden
und Freiheit in Europa zu sichern. Die grauenhaften
Anschläge
vom 11. September 2001 auf New York und Washington
haben uns dies
bitter vor Augen geführt. Diese richteten sich
nicht alleine
gegen die USA als mächtigstes Symbol der demokratischen
Wertegemeinschaft, sondern auch gegen uns als Teil
dieser
Gemeinschaft. Mit dem symbolischen Fall der Mauer
1989 haben die
Deutschen zwar die apokalyptischen Gefahren des Kalten
Krieges
hinter sich gelassen. Deutschland lebt nunmehr seit
über elf
Jahren zu recht in dem Bewusstsein, zum ersten Mal
seit Hunderten
von Jahren nur noch von Freunden und Partnern umgeben
zu sein.
Jedoch hat uns Deutsche unsere berechtigte Freude
darüber den
Blick für neue Risiken getrübt. Diese gehen
nicht von unseren
unmittelbaren Nachbarn aus und gefährden aber
direkt oder
indirekt auch unsere Sicherheit. Sie können die
Auswirkungen von
Krisen innerhalb Europas, wie zuletzt auf dem Balkan,
oder
jenseits von Europa sein.
Unter
diesen Gefahren steht der internationale Terrorismus
seit längerem auf der Agenda von Politik, Polizei,
Nachrichtendiensten und jetzt auch der Streitkräfte.
Über den
Terrorismus hinaus gibt es aber auch andere Gefahren,
die wir
nicht außer Acht lassen dürfen, nämlich
die durch die
weltweite Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
und
Trägersystemen, von Drogen, internationaler Kriminalität,
Seuchen oder durch den Angriff auf Computersysteme
entstehen.
Haben wir bislang bei Massenvernichtungswaffen fast
ausschließlich an Atomwaffen gedacht, so haben
die Ereignisse
nach dem 11. September deutlich gemacht - ich verweise
nur auf
die Anthrax-Anschläge in den USA -, dass wir
biologische und
chemische Angriffe auf unsere Sicherheit nicht ausschließen
können.
Für
die USA brachte der 11. September eine noch stärkere
Zäsur: er bedeutete das Ende des Mythos der Unverwundbarkeit.
Die Anschläge in New York und Washington forderten
mehr Opfer
als der Angriff auf Pearl Harbor. Der amerikanische
Traum wird
gegenwärtig durch das Trauma des Terrorismus
getrübt.
Ob
die Anschläge vom 11. September eine Zeitenwende
darstellen, möchte ich dahin gestellt lassen.
Jedenfalls haben
sie unsere Anschauungen von der Welt verändert.
Diese
Anschauungen und unsere Denkmuster waren bis zu diesem
Zeitpunkt
noch stark der Zeit des Kalten Krieges verhaftet,
auch wenn
dieser vor über zehn Jahren zu Ende gegangen
ist.
Für
das transatlantische Verhältnis hat der 11. September
zuerst einmal gezeigt, dass Sicherheitsfragen in der
euro-atlantischen Gemeinschaft weiterhin eine wichtige
Rolle
spielen werden. Den USA gegen die terroristische Bedrohung
zur
Seite zu stehen, hat nicht nur unsere Dankbarkeit
für die
Unterstützung durch die USA in den vergangenen
fünfzig Jahren
geboten, sondern unser ureigenstes Interesse. Wir
können nur
durch die Gemeinsamkeit im Handeln Deutschland und
Europa bei
ähnlichen Herausforderungen schützen. Nur
wer sich jetzt als
Partner bewährt, wird sich, wenn er selber in
Not gerät, darauf
verlassen können, selbst Partner zu finden. Und
Deutschland
wäre im Falle derartiger terroristischer Angriffe
noch mehr als
die USA auf Solidarität und Beistand angewiesen.
Es ist unser
Interesse und das unserer Nachbarn, dass die USA weiterhin
in
Europa auch militärisch präsent bleiben.
Am
12. September 2001 hat die NATO den Artikel 5 des
Washingtoner Vertrags auf eine Lage angewandt, die
sich gänzlich
von der Situation unterscheidet, die die Gründer
der NATO vor 50
Jahren im Sinn hatten. Die NATO war schon lange nicht
mehr gegen
Russland gerichtet. Die erste Anwendung des Artikels
5 in der
Geschichte der Allianz hat die NATO und Russland nicht
getrennt,
sondern hat sie zusammengeführt. Präsident
Putin hat seit den
Terroranschlägen in bemerkenswerter Weise seine
Entschlossenheit
demonstriert, Russland in die weltweite Anti-Terror-Koalition
einzubringen und weiter nach Westen zu öffnen.
Dieses Momentum
haben NATO und Russland für eine erneuerte Partnerschaft
genutzt. Es ist im Übrigen nicht Hindernis, sondern
eine
unschätzbare Erleichterung für die weitere
Öffnung des
Bündnisses für neue Mitglieder. Wir alle
wissen, dass Europa
sicherer wird, wenn Russland eng mit der NATO und
EU kooperiert.
Für die Lösung der globalen Fragen, sei
es die
Terrorismusbedrohung, seien es die Probleme bei der
Abrüstung,
der Kontrolle der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
und
beim weltweiten Klimaschutz, ist eine konstruktive
Zusammenarbeit
mit einem so großen und wichtigen Land wie Russland
unerlässlich.
Die
Wochen nach dem 11. September haben ebenso gezeigt,
dass
angesichts derartiger Gefahren die Zusammenarbeit
fast aller
Staaten der Völkergemeinschaft erforderlich aber
auch möglich
ist. Dieser multilaterale Ansatz wird von den
Entscheidungsträgern in Europa, aber nicht von
allen in
Washington geteilt:
Auf
das Phänomen des Terrorismus muss sich die internationale
Ordnungspolitik neu einstellen. Bislang ging es bei
dieser darum,
zwischenstaatliche Beziehungen zu regeln, nunmehr
gilt es auch,
die Handlungen nicht-staatlicher Akteure zu erfassen.
Die VN hat
sich dieser neuen Aufgabe gestellt. Der Sicherheitsrat
stellte am
12. September 2001 in seiner Resolution 1368 fest,
dass er
terroristische Angriffe, wie sie auf New York und
Washington
ausgeübt wurden, als Bedrohung des internationalen
Friedens und
der Sicherheit ansieht. Er hat am 28. September 2001
diese
Resolution um einen umfassenden Aktionsplan zur
Terrorismusbekämpfung (Res. 1373) ergänzt.
Auch diejenigen, die
Täter, Organisatoren und Sponsoren terroristischer
Akte
unterstützen, sollen nach Auffassung des VN-Sicherheitsrates
zur
Rechenschaft gezogen werden. Dies bedeutet eine erhebliche
Weiterentwicklung der bisherigen Interpretation des
Völkerrechts.
Mit
den heimtückischen Anthrax- Anschlägen in
den USA ist
die mögliche Gefahr durch Massenvernichtungswaffen
in Händen
von Terroristen uns deutlich vor Augen geführt
worden. Damit
Terroristen nicht in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
gelangen, müssen wir uns auf die Instrumente
der Abrüstung,
Rüstungskontrolle und Nichtweiterverbreitung
besinnen. Diese
gilt es zu stärken und bestehende Schwachstellen
zu beseitigen.
Es ist zu hoffen, dass der Stillstand in den Bemühungen
um
wirksame internationale Kontrollmechanismen bei den
biologischen
Waffen angesichts der realen Bedrohung kein endgültiges
Scheitern bedeutet. Aus heutiger Sicht sind solche
Mechanismen
letztlich ohne Alternative.
Der
11. September hat alle transatlantischen Partner,
Europäer, Amerikaner und Kanadier zusammenrücken
lassen. Es
herrscht ein Klima der Solidarität. Wir sollten
die Atmosphäre
nutzen, um bestehende transatlantische Probleme zu
lösen oder
zumindest zu verringern. Einige Reibungspunkte in
den
transatlantischen Beziehungen zu den USA sind aus
der Zeit vor
dem 11. September bestehen geblieben, andere haben
sich
abgeschwächt (VN-Beitragszahlungen), dritte sind
hinzugekommen
(Sektion 201 Stahl Sanktionen, Subventionen für
Luftfahrtunternehmen und Luftsicherheitsmaßnahmen,
etc.). Das
übergeordnete Thema vieler Reibungspunkte ist
letztlich, dass
die USA im Bewusstsein ihrer unbestrittenen Überlegenheit
als
einzige globale Macht aus unserer Sicht oft zu wenig
Willens war,
sich in einem multilateralen Rahmen zu engagieren.
In Europa
wurde ihr Verhalten häufig so interpretiert:
Amerika engagiert
sich bei internationalen Übereinkünften
nur, wenn diese
uneingeschränkt seinen nationalen Interessen
dienen.
In
all diesen Fragen wird ein politisch-kultureller
Unterschied sichtbar, der zwischen den USA und den
meisten
europäischen Staaten besteht. Europa hat in einer
realistischen
Einschätzung seiner eigenen Kräftepotentiale
meist auf den
Multilateralismus als außenpolitisches Instrument
zur Förderung
seiner Interessen gesetzt. Im Gegensatz dazu können
es sich die
USA auf Grund ihres militärischen, politischen
und kulturellen
Selbstverständnisses leisten, einen selektiven
Multilateralismus
zu praktizieren, was bedeutet, dass Multilateralismus
nur ein
außenpolitisches Instrument unter vielen darstellt.
Wo ein
multilateraler Ansatz – den auch Amerikaner durchaus
bevorzugen – impraktikabel erscheint, haben die USA
immer
noch die Möglichkeit, im Rahmen einer Koalition
– oder wie
zur Zeit wechselnder Koalitionen - von sie unterstützenden
Verbündeten vorzugehen oder letztlich auch im
Alleingang zu
operieren. Wir werden daher auch weiterhin in der
amerikanischen
Politik eine Kontroverse zwischen Vertretern eines
eher
multilateralen Ansatzes und denjenigen, die eher auf
Unilateralismus setzen, beobachten können. Auf
diese Realität
müssen wir uns einstellen. Unser Ziel als europäische
Verbündete kann nur lauten, die USA zu ermutigen,
den Kurs
kooperativen Engagements, der in der gegenwärtigen
Krise
deutlicher geworden ist, auch in der Zukunft weiterzuverfolgen.
Solange
Europa und Nordamerika bereit sind, die
transatlantische Gemeinschaft als faire Partnerschaft
nicht nur
untereinander, sondern im Zusammenwirken mit anderen
Kulturen und
Religionen zu betrachten, werden uns viele Staaten
und Völker
weit über die euro-atlantische Gemeinschaft hinaus
unterstützen. Insofern ist eine enge transatlantische
Partnerschaft auch in Zukunft eine der wichtigsten
Voraussetzungen für globale Stabilität und
Sicherheit sowie
Frieden und Freiheit in Europa. Manfred Wörner
würde es nicht
anders sehen.
Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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