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Rede des Koordinators der deutsch-amerikanischen Beziehungen, Voigt, anlässlich der Verleihung der Manfred-Wörner-Medaille, Berlin, 9. Januar 2002

Karsten Voigt ist Mitglied des Beirats der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft

Sehr geehrter Herr Minister,
liebe Frau Wörner,
meine Damen und Herren!

Lieber Rudolf,
für die Auszeichnung mit der Manfred-Wörner-Medaille möchte
ich Dir herzlich danken. Sie ist eine große Ehre für mich.
Krieg zu verhindern und Frieden zu gestalten, das hat mich mein
Leben lang begleitet: Zuerst in den Bombennächten als kleines
Kind, dann über die Beschäftigung mit der deutschen
Besatzungszeit als Student in Kopenhagen, als Begleiter von
Zeugen während des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt, als
Teilnehmer an Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen als
Jungsozialist und schließlich als Mitglied des Bundestages und
der Parlamentarischen Versammlung der NATO. Die Auszeichnung
heute empfinde ich als Ansporn, mich jetzt und zukünftig im
Sinne des Stiftungszweckes der Medaille weiter einzusetzen.

Liebe Frau Wörner,
über die Auszeichnung freue ich mich insbesondere auch deshalb,
weil sie den Namen von Manfred Wörner trägt. Mein
parlamentarisches Wirken im Bundestag und in der
Parlamentarischen Versammlung der NATO war über lange Zeit auch
mit dem politischen Leben Ihres Mannes Manfred Wörner
verknüpft. Einerseits waren wir als Sprecher von Regierung und
Opposition naturgemäß Kontrahenten. Außerdem kamen wir aus
unterschiedlichen politischen Milieus: Hier der provozierende
ehemalige Juso-Vorsitzende, dort der konservative Offizier der
Reserve. Mögen unsere politischen Lösungen und Wege auch
verschieden gewesen sein, bereits während der Debatte über den
NATO-Doppelbeschluss zeigte sich eine zunehmendes Maß an
Übereinstimmung unter uns. Diese trat dann offen während des
deutschen Einigungsprozesses zu tage. Uns einte das Bekenntnis zu
den transatlantischen Beziehungen sowohl aus Werte- und
Interessenverbundenheit als auch aus politischer und
strategischer Einsicht. Ferner einte uns unser Einsatz für die
europäische Integration und die multilaterale Einbindung
Deutschlands. Wir wussten, dass wir nur so den friedlichen
Ausgleich mit unseren zumeist kleineren Nachbarstaaten finden
konnten - und nach wie vor finden können -, indem diese sich
sicher fühlen, dass im multilateralen Verbund mit Deutschland
ihre eigenen Interessen mit denen Deutschlands unauflöslich
verknüpft sind.

Es war ein Glücksfall, dass Manfred Wörner während der
Wiedervereinigung Deutschlands und bei der Vorbereitung der
ersten Runde der NATO-Osterweiterung NATO-Generalsekretär war.
Leider hat er die erste Aufnahme mittel- unf osteuropäischer
Staaten in die NATO nicht mehr miterleben dürfen. Es hätte ihm
sehr viel bedeutet. Er ist viel zu früh von uns gegangen.

Meine Damen und Herren,
auch zu Beginn des 21. Jahrhundert bleibt die Aufgabe, Frieden
und Freiheit in Europa zu sichern. Die grauenhaften Anschläge
vom 11. September 2001 auf New York und Washington haben uns dies
bitter vor Augen geführt. Diese richteten sich nicht alleine
gegen die USA als mächtigstes Symbol der demokratischen
Wertegemeinschaft, sondern auch gegen uns als Teil dieser
Gemeinschaft. Mit dem symbolischen Fall der Mauer 1989 haben die
Deutschen zwar die apokalyptischen Gefahren des Kalten Krieges
hinter sich gelassen. Deutschland lebt nunmehr seit über elf
Jahren zu recht in dem Bewusstsein, zum ersten Mal seit Hunderten
von Jahren nur noch von Freunden und Partnern umgeben zu sein.
Jedoch hat uns Deutsche unsere berechtigte Freude darüber den
Blick für neue Risiken getrübt. Diese gehen nicht von unseren
unmittelbaren Nachbarn aus und gefährden aber direkt oder
indirekt auch unsere Sicherheit. Sie können die Auswirkungen von
Krisen innerhalb Europas, wie zuletzt auf dem Balkan, oder
jenseits von Europa sein.

Unter diesen Gefahren steht der internationale Terrorismus
seit längerem auf der Agenda von Politik, Polizei,
Nachrichtendiensten und jetzt auch der Streitkräfte. Über den
Terrorismus hinaus gibt es aber auch andere Gefahren, die wir
nicht außer Acht lassen dürfen, nämlich die durch die
weltweite Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und
Trägersystemen, von Drogen, internationaler Kriminalität,
Seuchen oder durch den Angriff auf Computersysteme entstehen.
Haben wir bislang bei Massenvernichtungswaffen fast
ausschließlich an Atomwaffen gedacht, so haben die Ereignisse
nach dem 11. September deutlich gemacht - ich verweise nur auf
die Anthrax-Anschläge in den USA -, dass wir biologische und
chemische Angriffe auf unsere Sicherheit nicht ausschließen
können.

Für die USA brachte der 11. September eine noch stärkere
Zäsur: er bedeutete das Ende des Mythos der Unverwundbarkeit.
Die Anschläge in New York und Washington forderten mehr Opfer
als der Angriff auf Pearl Harbor. Der amerikanische Traum wird
gegenwärtig durch das Trauma des Terrorismus getrübt.

Ob die Anschläge vom 11. September eine Zeitenwende
darstellen, möchte ich dahin gestellt lassen. Jedenfalls haben
sie unsere Anschauungen von der Welt verändert. Diese
Anschauungen und unsere Denkmuster waren bis zu diesem Zeitpunkt
noch stark der Zeit des Kalten Krieges verhaftet, auch wenn
dieser vor über zehn Jahren zu Ende gegangen ist.

Für das transatlantische Verhältnis hat der 11. September
zuerst einmal gezeigt, dass Sicherheitsfragen in der
euro-atlantischen Gemeinschaft weiterhin eine wichtige Rolle
spielen werden. Den USA gegen die terroristische Bedrohung zur
Seite zu stehen, hat nicht nur unsere Dankbarkeit für die
Unterstützung durch die USA in den vergangenen fünfzig Jahren
geboten, sondern unser ureigenstes Interesse. Wir können nur
durch die Gemeinsamkeit im Handeln Deutschland und Europa bei
ähnlichen Herausforderungen schützen. Nur wer sich jetzt als
Partner bewährt, wird sich, wenn er selber in Not gerät, darauf
verlassen können, selbst Partner zu finden. Und Deutschland
wäre im Falle derartiger terroristischer Angriffe noch mehr als
die USA auf Solidarität und Beistand angewiesen. Es ist unser
Interesse und das unserer Nachbarn, dass die USA weiterhin in
Europa auch militärisch präsent bleiben.

Am 12. September 2001 hat die NATO den Artikel 5 des
Washingtoner Vertrags auf eine Lage angewandt, die sich gänzlich
von der Situation unterscheidet, die die Gründer der NATO vor 50
Jahren im Sinn hatten. Die NATO war schon lange nicht mehr gegen
Russland gerichtet. Die erste Anwendung des Artikels 5 in der
Geschichte der Allianz hat die NATO und Russland nicht getrennt,
sondern hat sie zusammengeführt. Präsident Putin hat seit den
Terroranschlägen in bemerkenswerter Weise seine Entschlossenheit
demonstriert, Russland in die weltweite Anti-Terror-Koalition
einzubringen und weiter nach Westen zu öffnen. Dieses Momentum
haben NATO und Russland für eine erneuerte Partnerschaft
genutzt. Es ist im Übrigen nicht Hindernis, sondern eine
unschätzbare Erleichterung für die weitere Öffnung des
Bündnisses für neue Mitglieder. Wir alle wissen, dass Europa
sicherer wird, wenn Russland eng mit der NATO und EU kooperiert.
Für die Lösung der globalen Fragen, sei es die
Terrorismusbedrohung, seien es die Probleme bei der Abrüstung,
der Kontrolle der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und
beim weltweiten Klimaschutz, ist eine konstruktive Zusammenarbeit
mit einem so großen und wichtigen Land wie Russland
unerlässlich.

Die Wochen nach dem 11. September haben ebenso gezeigt, dass
angesichts derartiger Gefahren die Zusammenarbeit fast aller
Staaten der Völkergemeinschaft erforderlich aber auch möglich
ist. Dieser multilaterale Ansatz wird von den
Entscheidungsträgern in Europa, aber nicht von allen in
Washington geteilt:

Auf das Phänomen des Terrorismus muss sich die internationale
Ordnungspolitik neu einstellen. Bislang ging es bei dieser darum,
zwischenstaatliche Beziehungen zu regeln, nunmehr gilt es auch,
die Handlungen nicht-staatlicher Akteure zu erfassen. Die VN hat
sich dieser neuen Aufgabe gestellt. Der Sicherheitsrat stellte am
12. September 2001 in seiner Resolution 1368 fest, dass er
terroristische Angriffe, wie sie auf New York und Washington
ausgeübt wurden, als Bedrohung des internationalen Friedens und
der Sicherheit ansieht. Er hat am 28. September 2001 diese
Resolution um einen umfassenden Aktionsplan zur
Terrorismusbekämpfung (Res. 1373) ergänzt. Auch diejenigen, die
Täter, Organisatoren und Sponsoren terroristischer Akte
unterstützen, sollen nach Auffassung des VN-Sicherheitsrates zur
Rechenschaft gezogen werden. Dies bedeutet eine erhebliche
Weiterentwicklung der bisherigen Interpretation des
Völkerrechts.

Mit den heimtückischen Anthrax- Anschlägen in den USA ist
die mögliche Gefahr durch Massenvernichtungswaffen in Händen
von Terroristen uns deutlich vor Augen geführt worden. Damit
Terroristen nicht in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
gelangen, müssen wir uns auf die Instrumente der Abrüstung,
Rüstungskontrolle und Nichtweiterverbreitung besinnen. Diese
gilt es zu stärken und bestehende Schwachstellen zu beseitigen.
Es ist zu hoffen, dass der Stillstand in den Bemühungen um
wirksame internationale Kontrollmechanismen bei den biologischen
Waffen angesichts der realen Bedrohung kein endgültiges
Scheitern bedeutet. Aus heutiger Sicht sind solche Mechanismen
letztlich ohne Alternative.

Der 11. September hat alle transatlantischen Partner,
Europäer, Amerikaner und Kanadier zusammenrücken lassen. Es
herrscht ein Klima der Solidarität. Wir sollten die Atmosphäre
nutzen, um bestehende transatlantische Probleme zu lösen oder
zumindest zu verringern. Einige Reibungspunkte in den
transatlantischen Beziehungen zu den USA sind aus der Zeit vor
dem 11. September bestehen geblieben, andere haben sich
abgeschwächt (VN-Beitragszahlungen), dritte sind hinzugekommen
(Sektion 201 Stahl Sanktionen, Subventionen für
Luftfahrtunternehmen und Luftsicherheitsmaßnahmen, etc.). Das
übergeordnete Thema vieler Reibungspunkte ist letztlich, dass
die USA im Bewusstsein ihrer unbestrittenen Überlegenheit als
einzige globale Macht aus unserer Sicht oft zu wenig Willens war,
sich in einem multilateralen Rahmen zu engagieren. In Europa
wurde ihr Verhalten häufig so interpretiert: Amerika engagiert
sich bei internationalen Übereinkünften nur, wenn diese
uneingeschränkt seinen nationalen Interessen dienen.

In all diesen Fragen wird ein politisch-kultureller
Unterschied sichtbar, der zwischen den USA und den meisten
europäischen Staaten besteht. Europa hat in einer realistischen
Einschätzung seiner eigenen Kräftepotentiale meist auf den
Multilateralismus als außenpolitisches Instrument zur Förderung
seiner Interessen gesetzt. Im Gegensatz dazu können es sich die
USA auf Grund ihres militärischen, politischen und kulturellen
Selbstverständnisses leisten, einen selektiven Multilateralismus
zu praktizieren, was bedeutet, dass Multilateralismus nur ein
außenpolitisches Instrument unter vielen darstellt. Wo ein
multilateraler Ansatz – den auch Amerikaner durchaus
bevorzugen – impraktikabel erscheint, haben die USA immer
noch die Möglichkeit, im Rahmen einer Koalition – oder wie
zur Zeit wechselnder Koalitionen - von sie unterstützenden
Verbündeten vorzugehen oder letztlich auch im Alleingang zu
operieren. Wir werden daher auch weiterhin in der amerikanischen
Politik eine Kontroverse zwischen Vertretern eines eher
multilateralen Ansatzes und denjenigen, die eher auf
Unilateralismus setzen, beobachten können. Auf diese Realität
müssen wir uns einstellen. Unser Ziel als europäische
Verbündete kann nur lauten, die USA zu ermutigen, den Kurs
kooperativen Engagements, der in der gegenwärtigen Krise
deutlicher geworden ist, auch in der Zukunft weiterzuverfolgen.

Solange Europa und Nordamerika bereit sind, die
transatlantische Gemeinschaft als faire Partnerschaft nicht nur
untereinander, sondern im Zusammenwirken mit anderen Kulturen und
Religionen zu betrachten, werden uns viele Staaten und Völker
weit über die euro-atlantische Gemeinschaft hinaus
unterstützen. Insofern ist eine enge transatlantische
Partnerschaft auch in Zukunft eine der wichtigsten
Voraussetzungen für globale Stabilität und Sicherheit sowie
Frieden und Freiheit in Europa. Manfred Wörner würde es nicht
anders sehen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Stand: 21.05.2002

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Letzte Änderung dieser Seite: 08.06.2005