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"Das europäisch-amerikanische Verhältnis vor dem Hintergrund der neuen weltpolitischen Herausforderungen"

Vortrag von Karsten D. Voigt, Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt, bei einer Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest am 21. November 2001.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für Ihre Einladung und die Gelegenheit, heute Abend mit Ihnen über die transatlantischen Beziehungen nach den terroristischen Angriffen am 11. September zu sprechen. Ich bin seit 1970 immer wieder nach Ungarn gefahren. Nicht nur politisch sondern auch persönlich verbindet mich vieles mit Ihrem Land. Nur weil Ungarn 1989 seine Grenzen geöffnet hatte, konnte ich im November 1989 meine jetzige Frau erst in Budapest und dann in Bonn begrüßen.

Eigentlich sollte der 11. September dieses Jahres in Berlin ganz im Zeichen der deutsch-ungarischen Freundschaft stehen. Unsere beide Außenminister haben am Morgen des 11. September in Anwesenheit von Ministerpräsident Orbán die neue ungarische Botschaft in Berlin eröffnet. Daran schlossen sich Gespräche unserer Regierungsvertreter an. Die Terroranschläge auf das WTC und das Pentagon konfrontierten uns dann auf schreckliche Weise mit den neuen Gefahren unserer Welt.

Dabei haben wir alle auf Anhieb verstanden, daß diese monströsen Angriffe sich nicht nur gegen die USA als mächtigstes Symbol der demokratischen Wertegemeinschaft, sondern auch gegen uns als Teil dieser Wertegemeinschaft richteten. Sie verstießen gegen die ethischen Normen aller Religionen und Zivilisationen. Wer so unmenschlich handelt, muß vorher die Menschlichkeit in sich selber zerstören haben. Gleiches gilt – unabhängig von der noch ungewissen Täterschaft - für die Serie der Milzbrand-Anschläge in den USA, die uns alle in Atem halten.

Veränderungen seit dem 11. September

Wie haben sich die Welt und die transatlantischen Beziehungen mit dem 11. September verändert? Dieser Tag hat nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs durch Ungarn unsere aller Anschauung von der Welt ein weiteres Mal verändert. Mit dem symbolischen Fall der Mauer 1989 haben die Deutschen, wie die Ungarn, die Gefahren des Kalten Krieges hinter sich gelassen. Deutschland lebt nunmehr seit über zehn Jahren zu recht in dem Bewußtsein, zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren nur noch von Freunden und Partnern umgeben zu sein. Dieses Bewußtsein trügt nicht. Jedoch hat uns Deutsche unsere berechtigte Freude über neue Chancen nach dem Ende des Kalten Krieges den Blick für neue Risiken getrübt. Die neuen Risiken gehen nicht von unseren unmittelbaren Nachbarn aus und gefährden doch direkt oder indirekt auch unsere Sicherheit. Diese Gefahren können die Auswirkungen von Krisen innerhalb Europas, wie auf dem Balkan, oder jenseits von Europa sein. Unter diesen Gefahren steht der internationale Terrorismus seit geraumer Zeit auf der Agenda von Politik, Polizei und Nachrichtendiensten. Die Angriffe auf New York und Washington stellen aber eine unfassbare Steigerung der transnationalen terroristischen Aggressivität dar. Darüber hinaus gibt es aber auch weitere neue Gefahren, die wir nicht außer Acht lassen dürfen, nämlich die durch die weltweite Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und Trägersystemen, von Drogen, internationale Kriminalität, Seuchen, Angriffs auf Computersysteme oder eben auch Terrorismus entstehen. Haben wir bislang bei Massenvernichtungswaffen fast ausschließlich an Atomwaffen gedacht, so haben die Ereignisse nach dem 11. September deutlich gemacht, daß wir künftig auch biologische und chemische Angriffe auf unsere Sicherheit befürchten müssen.

USA: Ende des Mythos der Unverwundbarkeit

Für die USA brachte der 11. September eine noch stärkere Zäsur: er bedeutete das endgültige Ende des Mythos der Unverwundbarkeit. Die Anschläge in New York und Washington forderten mehr Opfer als der Angriff auf Pearl Harbor. Amerika ist deutlich vor Augen geführt, daß es nicht länger geschützt von zwei Ozeanen und immun gegen Ereignisse anderswo ist. Der amerikanische Traum wird gegenwärtig durch das Trauma des Terrorismus getrübt.

Uneingeschränkte Solidarität Deutschlands

Für das transatlantische Verhältnis hat der 11. September zuerst einmal gezeigt, daß Sicherheitsfragen in der euro-atlantischen Gemeinschaft weiterhin eine wichtige Rolle spielen werden. Sie sind mit dem Ende des Kalten Krieges mitnichten verschwunden. Die Bundesregierung und die überwältigende Mehrheit des Bundestages haben den USA von Anfang an die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus zugesichert. Die USA haben dies dankbar registriert. Letzte Woche hat der Bundestag beschlossen, dem amerikanischen Ersuchen nachzukommen und sich mit bis zu 3.900 Bundeswehrsoldaten an der US geführten Operation "Enduring Freedom" zu beteiligen.

Den USA gegen diese Bedrohung zur Seite zu stehen, gebieten nicht nur unsere Dankbarkeit für die Unterstützung durch die USA in den vergangenen fünfzig Jahren, sondern unser ureigenstes Interesse. Nur durch die Gemeinsamkeit im Handeln können wir Deutschland und Europa bei ähnlichen Herausforderungen schützen. Nur wer sich jetzt als Partner bewährt, wird sich, wenn er selber in Not gerät, darauf verlassen können, selbst Partner zu finden. Und Deutschland wie auch Ungarn wären im Falle derartiger terroristischer Angriffe noch mehr als die USA auf Solidarität, Unterstützung und Beistand angewiesen.

Die europäischen Solidarität haben der Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und ihren transatlantischen Verbündeten im Gefolge des 11. September eine neue Qualität gewonnen. Stärker denn je seit dem Ende des Kalten Krieges fühlen wir, dass uns ein gemeinsames transatlantisches Ziel eint.

Voraussetzungen transatlantischer Partnerschaft

Jedoch bleibt die transatlantische Solidargemeinschaft nur stabil, wenn alle zu engen Konsultationen bereit und zum Interessensausgleich fähig sind. In diesem Bündnis demokratischer Nationen muss sich die Führung des stärksten Allianzpartners von dem Gedanken leiten lassen, dass gemeinsamen Aktionen gemeinsame Konsultationen vorausgehen müssen. Mitverantwortung kann nur der übernehmen, der andererseits auch an der Entscheidungsfindung beteiligt ist.

Partnerschaft setzt aber auch voraus, daß die europäischen Verbündeten der USA als Partner handlungsrelevant bleiben, d.h. sie müssen über diplomatische, polizeiliche, nachrichtendienstliche und militärische Fähigkeiten verfügen, mit denen sie den neuen sicherheitspolitischen Gefahren entgegentreten können. Die Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist geschaffen worden, um gerade dieses Ziel zu erreichen. Auch die Überprüfung der sicherheitspolitischen Instrumentarien in unseren jeweiligen Ländern nach dem 11. September muß dieses Ziel im Auge haben.

Diejenigen in Europa, die jeder militärischen Aktion gegen Terroristen skeptisch gegenüber stehen, sollten zur Kenntnis nehmen, daß die Bush-Administration in den Wochen nach dem 11. September keineswegs zum Schnellschuß neigt, sondern sehr sorgfältig eine weltumspannende Koalition gegen den Terrorismus geschmiedet hat. Von Anfang an setzte die Administration zwar auch auf den Einsatz militärischer Mittel, vor allem aber auf ein diplomatisches, polizeiliches und nachrichtendienstliches Vorgehen gegen den Terrorismus. Ich möchte aber hinzufügen: Der jetzige Einsatz militärischer Mittel ist letztlich durch das Verhalten der Taleban leider unvermeidlich geworden. Er ist politisch und moralisch legitim. Die Aufrufe zur Unterbrechung des Militäreinsatzes führen in die Irre, da ihre objektive Wirkung nicht in einer Verkürzung sondern einer Verlängerung des Leidens der afghanischen Bevölkerung bestünde. Die Militärkampagne ist letztlich der erste Schritt zur "Selbstrückholung" Afghanistans in den Kreis der zivilisierten Nationen.

Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus

Angesichts des Schreckens gibt es auch Hoffnung. Wenn der Tragödie des 11. September überhaupt etwas positives abzugewinnen ist, so ist es, daß die Konfrontation mit der terroristischen Gefahr nun Anlaß zur Verstärkung kooperativer Elemente zwischen fast allen Staaten der Völkerfamilie geworden ist. Diesen Trend gilt es zu intensivieren.

Erstens: Die Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus wird einen langen Atem erfordern. Zu aller erst gehört dazu die Verfolgung und Bestrafung von Tätern, Gehilfen und Anstiftern. Des weiteren gehört dazu, daß Terroristen nirgendwo in der Welt einen sicheren Schlupfwinkel mehr finden dürfen. Das setzt voraus, daß wir die Zonen der "Ordnungslosigkeit", die Amerikaner nennen sie "failed states", im Rahmen unserer Möglichkeiten verhindern müssen. Ferner muß die Reaktion der NATO, der Mitgliedsstaaten der EU und in der VN ausschließen, dass die Gefährdung durch die Methoden ihrer Bekämpfung in anderer Gestalt wiederersteht. Wir müssen die Bedrohung auf allen Bereichen angehen: Politisch, wirtschaftlich, nachrichtendienstlich, polizeilich, wo nötig militärisch und auch durch eine Intensivierung unserer Dialoge mit der islamischen Kultur und Religion. Dabei muß das Umfeld, aus dem sich Terrorismus rekrutiert, bearbeitet werden.

In diesem Zusammenhang muß der Nahostkonflikt auf der politischen Agenda ganz oben bleiben. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Westens in der arabischen Welt. Usama bin Ladin darf es – wie 1990/91 Saddam Hussein – nicht gelingen, den Konflikt, um den es ihm nicht geht, zur Legitimierung seiner verbrecherischen Ziele zu instrumentalisieren! Verallgemeinert gilt diese Aussage für alle regionalen Konflikte, die konsequenter angegangen werden müssen. Nur mit Hilfe eines solchen umfassenden Ansatzes wird es gelingen, Haß, Gewalt und Terrorismus den Nährboden möglichst zu entziehen.

Auf das Phänomen des Terrorismus muß sich die internationale Ordnungspolitik neu einstellen. Bislang ging es bei dieser darum, zwischenstaatliche Beziehungen zu regeln, nunmehr gilt es auch, die Handlungen nicht-staatlicher Akteure zu erfassen. Die VN hat sich dieser neuen Aufgabe gestellt. Der Sicherheitsrat stellte am 12. September in seiner Resolution 1368 fest, dass er terroristische Angriffe, wie sie auf New York und Washington ausgeübt wurden, als Bedrohung des Internationalen Friedens und der Sicherheit ansieht. Er hat am 28. September diese Resolution um einen umfassenden Aktionsplan zur Terrorismusbekämpfung (Res. 1373) ergänzt. Auch diejenigen, die Täter, Organisatoren und Sponsoren terroristischer Akte unterstützen, sollen nach Auffassung des VN-Sicherheitsrates zur Rechenschaft gezogen werden. Dies bedeutet eine erhebliche Weiterentwicklung der bisherigen Interpretation des Völkerrechts. Bei ihren Angriffen auf Ziele in Afghanistan haben sich die USA auf dieses Recht der Selbstverteidigung berufen.

Die Bemühungen der VN werden von allen wichtigen internationalen Gremien flankiert: So arbeiten die G7/G8 aktuell an einem Aktionsplan. Die Staatsoberhäupter Mittel- Ost- und Südosteuropas zur Terrorismusbekämpfung trafen sich vor zwei Wochen in Warschau, um Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung zu beschließen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie ich bereits erwähnt habe, ist der internationale Terrorismus die akuteste, wenn auch leider nicht einzige transnationale Bedrohung dieser Art. Mit den jüngsten heimtückischen Anthrax- Anschlägen in den USA ist die mögliche Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in Händen von Terroristen in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Sie haben verdeutlicht: Wir müssen alles tun, damit Terroristen nicht in den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen. Dies ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam im internationalem Rahmen erfüllen können. Hierzu müssen wir uns auf die Instrumente der Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung besinnen. Diese gilt es, jetzt zu stärken und bestehende Schwachstellen zu beseitigen. So muß es uns bei den biologischen Waffen angesichts der realen Bedrohung gelingen, endlich wirksame internationale Kontrollmechanismen zu schaffen.

Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union

Zweitens: Die Anschläge vom 11. September haben Bedeutung und Notwendigkeit der Vertiefung und Erweiterung der EU vor Augen geführt. Zwar sind in der Krise die militärischen Beschlüsse in den nationalen Hauptstädten getroffen worden, gleichzeitig haben Beschlüsse der Europäischen Räte am 21.09. und 19.10. zur Terrorismusbekämpfung für einen kräftigen Schub in Richtung Vertiefung der EU gesorgt, insbesondere in dem Bereich der sog. "Dritten Säule", d.h. Justiz und Inneres, aber auch im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Dies alles wird nicht ohne Einfluß auf die Beratungen im Vorfeld der EU-Regierungskonferenz im Jahre 2004 bleiben. Es gilt, das gewonnene Momentum für die Reformschritte weiter zu nutzen.

In Deutschland wird ausdrücklich begrüßt, daß Ungarn sich den Beschlüssen des Europäischen Rates vom 21.09. angeschlossen und damit sein vitales Interesse am europäischen Integrationsprozeß ausgedrückt hat. Die durch Ihre Regierung bereits eingeleiteten Maßnahmen helfen, den Abschluß der EU-Beitrittsverhandlungen Ungarns deutlich voranzutreiben.

Auch wenn immer wieder gegenteilige Stimmen sich erheben, die EU hat nach dem 11. September unverzüglich und deutlich Profil gezeigt. Dies belegen die öffentlichen Stellungnahmen und der Maßnahmenkatalog vom 21.09., der bis hin zur Entwicklung einer Strategie für den Post-Taleban-Prozess geht. Zudem verfügt die EU über Erfahrung und Mittel im Bereich des "nation-building", also in einem Bereich, der noch zum tragen kommen wird.

Ferner berät die EU gegenwärtig mit den USA über neue Formen der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung.

Stärkung des Dialogs mit dem Islam und seiner Kultur

Drittens müssen wir unseren Dialog mit dem Islam und seiner Kultur stärken. Der Islam selbst ist nicht der Feind. Alle Staaten der islamischen Welt mit Ausnahme des Irak haben die Terroranschläge in New York und Washington verurteilt. Viele von ihnen haben wie wir Mitbürger bei den Angriffen auf das World Trade Center verloren. Einige haben selbst sehr schmerzliche Erfahrungen mit dem Terrorismus gemacht. Würde eine Konfrontationsstellung zwischen uns und dem Islam aufkommen, wäre dies ein Sieg für die Terroristen. In Deutschland leben heute ca. 3 Millionen Muslime. Ein konstruktives Verhältnis zwischen dem Islam und unserer pluralistischen Demokratie ist deshalb auch für den inneren Frieden unseres Landes unverzichtbar.

Was dazu zu sagen ist, haben die verantwortlichen Politiker in den USA und in Europa gesagt: Dort Präsident Bush mit seinem Besuch einer Moschee und der Einladung des obersten Geistlichen der muslimischen Amerikaner zur nationalen Gedenkfeier, bei uns in Deutschland u.a. der Bundespräsident, der Bundeskanzler und der Außenminister.

Vielmehr geht es um einen "Kampf um Kultur". Im Rahmen der transatlantischen Gemeinschaft müssen wir uns gemeinsam geistig-kulturell mit dem Terrorismus auseinandersetzen, gemeinsame Positionen entwickeln und umsetzen. Es gilt z.B. Überlegungen anzustellen, wie wir auf Afghanistan und die afghanische Bevölkerung nach dem Ende der militärischen Auseinandersetzungen auch kulturpolitisch zugehen wollen. Was viele nicht mehr wissen: In Kabul gab es eine von Deutschland gegründete Oberrealschule. Es gab vielfältige Studien- und Ausbildungsverbindungen zwischen Afghanistan und Deutschland. Nicht zuletzt deshalb leben heute ca. 80.000 Exil-Afghanen in Deutschland. Afghanistan steht hier nur stellvertretend, auch auf andere Ländern muß zugegangen werden.

Beseitigung der letzten Spuren der Mentalität des Kalten Krieges

Viertens haben wir nun die Möglichkeit, die letzten Spuren der Mentalität des Kalten Krieges zu beseitigen.

Mit ihrem Beschluss vom 12. September hat die NATO den Artikel 5 des Washingtoner Vertrags auf eine Lage angewandt, die sich gänzlich von der Situation unterscheidet, die die Gründer der NATO vor 50 Jahren im Sinn hatten. Aber es zeigt: Die Allianz lebt. Sie tut das, was ihre heutige Aufgabe im sicherheitspolitischen Umfeld von heute ist. Sie ist der engste Familienkreis von Staaten um die USA. Hier wird der vertrauensvollste Dialog im multilateralen Umfeld gepflegt. Das geschieht unabhängig davon, dass die operative Führung der militärischen Reaktionen auf die Anschläge vom 11. September nicht bei der Allianz liegt.

Die innere Struktur des Bündnisses, die große, militärisch potente Staaten mit kleineren Ländern zusammenführt und über diese Partnerschaft den Bogen zu Rußland schlägt, hat sich seit über fünfzig Jahren bewährt und das hohe gegenseitige Vertrauen erst hervorgebracht. Wir sollten im Augenblick der Krise auch das Bündnis insgesamt nutzen und nicht das Gespräch auf diejenigen beschränken, die im Moment die militärisch wichtigsten Beiträge leisten.

Die gegenwärtige Entwicklung ist auch ein Beleg dafür, daß die NATO schon lange nicht mehr gegen Rußland gerichtet ist. Die erste Anwendung des Artikels 5 in der Geschichte der Allianz trennt nicht die NATO und Rußland, sondern führt sie zusammen. Dieses Momentum nutzen wir für eine erneuerte Partnerschaft. Nicht das US-russische Gipfeltreffen von letzter Woche wies in diese Richtung. Diese erneuerte Partnerschaft ist im Übrigen nicht Hindernis, sondern eine unschätzbare Hilfe für die weitere Öffnung des Bündnisses für neue Mitglieder.

Der 11. September hat die Tür unter anderem zu einer Neudefinition des Verhältnisses des Westens zu Russland und China geöffnet.

Präsident Putin hat seit den Terroranschlägen vom 11.9. in bemerkenswerter Weise seine Entschlossenheit demonstriert, Russland in eine weltweite Anti-Terror-Koalition einzubringen. Nicht nur die unverzügliche Kontaktaufnahme mit Präsident Bush am 11.9. und die ausdrückliche Unterstützung für die US-Militärschläge gegen das Taleban-Regime in Afghanistan, sondern auch praktische Schritte wie die engere nachrichtendienstliche Zusammenarbeit und die noch vor kurzem für undenkbar gehaltene Öffnung des russischen Luftraums für humanitäre Hilfsflüge der USA deuten darauf hin, dass Putin die Zusammenarbeit Russlands mit dem Westen verstärken möchte. Auch die vor wenigen Wochen verkündete endgültige Schließung der russischen Militärbasen in Vietnam und auf Kuba ist hierfür ein weiteres Indiz.

Wir alle wissen, dass Europa sicherer wird, wenn Rußland eng mit der NATO und EU kooperiert. Für die Lösung der globalen Frage der Terrorismusbekämpfung, aber auch anderer weltweiter Probleme wie der Fortsetzung des Abrüstungsprozesses, der Kontrolle der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und dem weltweiten Klimaschutz ist eine konstruktive Zusammenarbeit mit einem so großen und wichtigen Land wie Rußland unerläßlich. Wir sind dieser konstruktiven Zusammenarbeit in den letzten Wochen näher gekommen.

Die Amerikaner sind letzte Woche auf Rußland zugegangen, als sie unilaterale Einschnitte bei den amerikanischen offensiven Nuklearwaffen und die Absicht, die Wirtschaftsbeziehungen auszubauen, ankündigten. Die EU hat in den letzten Wochen zahlreiche Signale gesetzt, die Einbeziehung Rußlands in die euro-atlantischen Strukturen voranzutreiben.

In Gesten der Solidarität hat auch China die US-Kampagne gegen den Terrorismus und sogar die Militärschläge gegen Afghanistan mitgetragen. Dies ist das erste Mal seit dem Kalten Krieg, dass China eine amerikanische Militäraktion unterstützt. Es bleibt zu hoffen, dass dieser neue Geist die Zusammenarbeit mit Russland und China nicht nur kurzfristig sondern dauerhaft anspornen wird.

Ermutigung der USA zu kooperativem Engagement

Fünftens: Der 11. September hat die transatlantischen Partner zusammenrücken lassen. Es herrscht ein Klima der Solidarität. Wir sollten die Atmosphäre nutzen, um noch bestehende transatlantische Probleme zu lösen oder zumindest zu verringern. Einige Reibungspunkte in den transatlantischen Beziehungen sind aus der Zeit vor dem 11. September bestehen geblieben, andere haben sich abgeschwächt (VN-Beitragszahlungen), dritte sind hinzugekommen (Sektion 201 Stahl Sanktionen, Subventionen für Luftfahrtunternehmen und Luftsicherheitsmaßnahmen, etc).

Unter den Reibungspunkten stellt sich als übergeordnetes Thema, daß die USA im Bewusstsein ihrer unbestrittenen Überlegenheit als einzige globale Macht aus unserer Sicht oft zu wenig Willens war, sich in einem multilateralen Rahmen zu agieren. Als dann die Administration Bush antrat, registrierten politische Auguren noch größere unilateralistische Tendenzen. Es gibt Themen, bei denen die Amerikaner dieses Urteil zu bestätigen scheinen: beim internationalen Strafgerichtshof, beim Landminenübereinkommen oder beim Vertrag über den umfassenden Teststopp. In Europa wurde ihr Verhalten bei diesen Themen häufig so interpretiert: Amerika engagiert sich bei internationalen Übereinkünften nur, wenn diese uneingeschränkt seinen nationalen Interessen dienen.

Weitere Beispiele waren die Haltung der USA zum Kyoto-Protokoll über die Klimaerwärmung und die skeptische Einstellung zu Rüstungskontrollverträgen.

In all diesen Fragen wird ein politisch-kultureller Unterschied sichtbar, der zwischen den USA und den meisten europäischen Staaten bestehen. Europa hat in einer realistischen Einschätzung seiner eigenen Kräftepotentiale meist auf den Multilateralismus als außenpolitisches Instrument zur Förderung seiner Interessen gesetzt. Im Gegensatz dazu können es sich die USA auf Grund ihres militärischen, politischen und kulturellen Selbstverständnisses leisten, einen selektiven Multilateralismus zu praktizieren, was bedeutet, dass Multilateralismus nur ein außenpolitisches Instrument unter vielen darstellt. Wo ein multilateraler Ansatz – den auch Amerikaner durchaus bevorzugen – impraktikabel erscheint, haben die USA immer noch die Möglichkeit, im Rahmen einer Koalition – oder wie zur Zeit wechselnder Koalitionen - von sie unterstützenden Verbündeten vorzugehen oder letztlich auch im Alleingang zu operieren. Wir werden daher auch weiterhin in der amerikanischen Politik eine Kontroverse zwischen Vertretern eines eher multilateralen Ansatzes und denjenigen, die eher auf Unilateralismus setzen, beobachten können. Auf diese Realität müssen wir uns einstellen.

Unser Ziel als europäische Verbündete ist es, die USA zu ermutigen, den Kurs kooperativen Engagements, der in der gegenwärtigen Krise deutlicher geworden ist, auch in der Zukunft weiterzuverfolgen.

Fazit

Trotz einiger Unterschiede teilen wir in Europa und Nordamerika weitgehend die gleichen kulturellen und historischen Traditionen. Nur gemeinsam können wir unsere gemeinsamen Überzeugungen – Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit – weltweit schützen und verteidigen. Letzten Endes sind dies die Werte, die die Grundlage für Stabilität und Frieden weltweit schaffen. Wenn dagegen Europa und die USA gegeneinander agieren, werden die Probleme, die ich vorhin angesprochen habe, weiter bestehen. Solange Europa und Nordamerika bereit sind, die transatlantische Gemeinschaft als faire Partnerschaft nicht nur untereinander, sondern im Zusammenwirken mit anderen Kulturen und Religionen zu betrachten, werden uns viele Staaten und Völker weit über die euro-atlantische Gemeinschaft hinaus unterstützen. Insofern ist eine enge transatlantische Partnerschaft auch in Zukunft eine der wichtigsten Voraussetzungen für globale Stabilität und Sicherheit.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Stand: 21.05.2002

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Letzte Änderung dieser Seite: 08.06.2005