Roland Freudenstein,
KAS: Lieber Lord Dahrendorf, Herr Voigt, Herr Dörflinger,
meine Damen und Herren Abgeordnete, Exzellenzen, meine sehr
verehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserer Diskussionsveranstaltung
Deutschland und Amerika – Das Ende des Westens?
Ich darf
mich zunächst selbst vorstellen: Mein Name ist Roland Freudenstein.
Ich bin der Leiter der Arbeitsgruppe Außenpolitik in der
neuen Hauptabteilung Politik und Beratung der Adenauer Stiftung,
und freue mich sehr, dass wir diese Veranstaltung heute hier
durchführen können, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft
zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft.
Und deutsch-amerikanische Freundschaft, das war ja jahrzehntelang
etwas Selbstverständliches. So selbstverständlich,
dass sogar Anfang der 80er Jahre eine Pop-Gruppe sich diesen
Namen gegeben hat um die Banalität vielleicht ein wenig
hervorzuheben. Aber ich glaube die Zeiten sind vorbei, wo das
etwas so Selbstverständliches war. Ich hätte mir jedenfalls
nie vorgestellt, dass das Bestellen einer Coca-Cola in einer
Berliner Kneipe oder einem Pariser Bistro fast einem politischem
Akt gleich kommen kann. Und das geht sicherlich nicht nur mir
so. Ich erinnere mich vor einigen Wochen ein Plakat gesehen
zu haben, hier in Berlin, zu einer großen öffentlichen
Diskussionsveranstaltung, mit dem Titel: Europa; der Übertitel
war: Im Westen viel Neues. Europa zwischen Postkommunismus im
Osten und Postatlantizismus im Westen. Das muss man sich mal
auf der Zunge zergehen lassen! Hier wird also gerade dieser
emanzipatorische Aspekt, der befreiende Aspekt, des Endes des
Kommunismus von 89/ 90/ 91 gleichgesetzt oder verglichen mit
der angeblichen Selbstbefreiung Westeuropas – ja, von was? Von
der Freundschaft mit Amerika oder so was ähnliches. Ich
glaube, wenn solche Diskussionsveranstaltungen heute stattfinden
und soviel Interesse finden, dann können wir nicht mehr
von Selbstverständlichkeiten reden. Sondern dann haben
wir was zu diskutieren. Und ich darf dazu bei uns begrüßen:
zu allererst Lord Ralf Dahrendorf. Einen Menschen der auf ganz
vielen verschiedenen Gebieten Großes geleistet hat und
noch leistet, Sozialwissenschaftler von Weltruf. Ich erinnere
mich, dass einer meiner Schullektüren der Homo-Soziologikus
war, den er 1959 in der Erstauflage geschrieben hat und der
eins der Standardwerke der Sozialforschung ist. Politiker, Mitglieder
des Landtages von Baden-Württemberg, Mitglied des Bundestages
in den 70er Jahren, Bundesminister, Kommissar der damaligen
EWG und seit 1993 Lord im Britischen Oberhaus, lehrt an der
London School of Economics. Er wird uns einen kurzen Vortrag
halten; ca. 30 Minuten und ihm wird antworten: Karsten Voigt.
Viele Jahre Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen
Bundestages, Stellvertretendes Mitglied des Außenpolitischen
Ausschusses und 1983 bis 89 außenpolitischer Sprecher
der SPD Bundestagsfraktion und in dieser Funktion besonders
bekannt. Vielen Dank, dass auch Sie gekommen sind und ich darf
noch hinzufügen: seit 1999 ist Karsten Voigt Koordinator
für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigem
Amt.
Last but not least: der Moderator der Diskussion: Herr Thomas
Dörflinger, kommt aus dem Journalismus, seit 1998 im Bundestag
in der CSU/CDU Fraktion, vertritt den Wahlkreis Waldshut (Baden-Württemberg),
Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend, und ist hier vor allen Dingen als Beiratsmitglied der
Gesellschaft zur Förderung der deutsch-amerikanischen Freundschaft.
Ich hoffe
auf spannende Vorträge, einem spannenden Kommentar und
eine vor allen dingen spannende und aktive Diskussion.
Lord
Dahrendorf: Für mich ist es aus mancherlei Gründen
eine besondere Freude heute Nachmittag hier sein zu können.
Nicht zuletzt, und das haben Sie nicht erwähnt, weil Thomas
Dörflinger mein deutscher Bundestagsabgeordneter ist, indem
ich ein Haus in seinem Wahlkreis habe und wir uns von daher
kennen. In Großbritannien habe ich ja das Wahlrecht verloren
in dem Augenblick, in dem ich zum Mitglied des Oberhauses wurde,
denn Mitglieder des Oberhauses haben kein Recht zur Teilnahme
an den Unterhauswahlen, mit der Begründung, dass sie ja
selber schon im Parlament sitzen und daher nicht andere Parlamentarier
wählen können. Fragen Sie mich nicht über die
Geheimnisse der britischen politischen Sitten und Geschichte.
Oder vielleicht doch nachher in der Diskussion, aber dann zu
anderen Aspekten.
Wir haben in Bonndorf, im Schwarzwald, diese Gesellschaft für
deutsch-amerikanische Freundschaft und das möchte ich doch
gleich sagen: sie ist eines der vielen Beispiele dafür,
wie gut die Beziehungen on the ground, also da wo Menschen aktiv
und am Ort daran beteiligt sind, tatsächlich funktionieren.
Wenn es auch wahrscheinlich ist, dass mache der militärischen
Einheiten, die sehr gerne Gäste zu uns in den Schwarzwald
geschickt haben, in den nächsten Jahren in andere Länder
Europas verlegt werden, was auch ein Aspekt unseres Themas ist,
aber nicht der Aspekt, über den ich sprechen will.
Ich möchte beginnen mit einem Bild, mit einer Metapher.
Nämlich der Metapher, der berühmten russischen Puppe,
die, wenn man sie aufmacht, dann ist da noch eine drin und noch
ein drin und noch eine. Ich fang mal mit der Innersten an und
ich benutze das Bild, um eine Weltsicht zu beschreiben, die
aus guten Gründen, und übrigens nicht zuletzt durch
den Mann, in dessen Namen die Stiftung existiert, die uns hier
eingeladen hat, die nach dem Krieg zur charakteristischen deutschen
Weltsicht geworden ist. Und ich erinnere Sie daran kurz aber
die Erinnerung ist auch der notwendige Hintergrund der These,
die ich entwickeln möchte. Im Innersten dieser alten Vorstellung
von Deutschlands Platz in der Welt war Deutschland selbst genaugenommen
Westdeutschland. Also die Bundesrepublik Deutschland von 1949.
Nicht die, die sich nach 1990 gebildet hat und zu der ich komme.
Ein Land mit neuer Orientierung, ein Land in einer ganz eigenen
Position und ein Land das sich dann durch die Beziehungen definiert
hat, die ich Ihnen noch einmal vor Augen führen möchte.
Denn die nächste Puppe in der diese Bundesrepublik ihren
Platz fand, war dann die deutsch-französische Freundschaft.
Eine ungeheure Leistung der Nachkriegspolitik in den beiden
Ländern. Nach hundertfünfzig Jahren der kriegerischen
Auseinandersetzungen, nach einer gelegentlich Erbfeindschaft
genannten tiefen Differenz zwischen den beiden Ländern
nun der bewusste, und wie man heute weiß, erfolgreiche
Versuch, von verantwortlichen Staatsmännern in beiden Ländern
an Stelle der alten Feindschaft eine Partnerschaft zu setzten,
in der keiner von beiden den Anspruch auf Vorherrschaft anmeldet.
Eine Partnerschaft zugleich, die nie exklusiv gedacht war, und
die insbesondere, jedenfalls von deutscher Seite, nie gesehen
wurde als in irgendeinem Sinn gegen andere europäische
oder westliche Länder gerichtet.
In der Tat, diese Zweitpuppe der deutsch-französischen
Freundschaft passte, jedenfalls aus deutscher Sicht, nahtlos
in die dritte der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft,
später der europäischen Gemeinschaft, dann der europäischen
Union. In gewisser Weise war die europäische Union die
Erweiterung des Prinzips der Partnerschaft und Freundschaft,
der freundschaftlichen Beziehungen, die durch Verhandlungen
und Gespräche und nicht durch Machtansprüche entwickelt
werden. Sie war insofern eine Basis für die Art von Verhalten,
die gerade in den letzten Wochen vielfach beobachtet und manchmal
kritisiert worden ist. Aber sie war sozusagen ein unentbehrlicher
Bestandteil des deutschen Selbstbildes und sie war ein Bestandteil
der deutschen Beziehungen zur Welt, der von den Vereinigten
Staaten nicht nur anerkannt, sondern über viele Jahre hinweg
intensiv unterstützt worden war. Das heißt, die Geschichte
der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der europäischen
Gemeinschaft bis hin zur europäischen Union ist eine Geschichte,
bei der Amerika immer und mit nur wenigen Ausnahmen unterstützend
tätig war. Einmal davon abgesehen, dass es in bestimmten
Politikbereichen, wie beispielsweise der Agrarpolitik, natürlich
auch Meinungsverschiedenheiten und Interessenverschiedenheiten
gab.
Westdeutschland, deutsch-französische Freundschaft, Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft und später Europäische Union,
eingebettet die nächste Puppe in diesem Bild, in das Atlantische
Bündnis. In das Atlantische Bündnis, das seinen klarsten
Ausdruck seit dem Anfang der 50ger Jahre im Nordatlantischen
Verteidigungsbündnis der NATO fand. Wobei aber die Nato
immer auch und immer wieder auch verstanden wurde als das Gefäß
für eine weitergehende politische Kooperation zwischen
den Mitgliedern.
Ich erinnere mich selber gut daran, dass in der kurzen Zeit,
in der ich die Ehre hatte, die Bundesrepublik in den Gremien
gelegentlich zu vertreten, wir versucht haben, zum Beispiel
einen Ausschuss für die Herausforderung der modernen Gesellschaft
im Rahmen der NATO zu bilden. Auch sonst gab es dazu ja manche
Ansätze. Das Atlantische Bündnis war mehr als ein
Bekenntnis. Es war eine klare und wichtige Form der Organisation.
Und dies nun wieder, das Atlantische Bündnis, war Teil
- die nächste, die fünfte Puppe schon - prinzipiell
weltweiter Allianzen. In Bereichen, in denen gemeinsame Interessen
nicht nur die Mitglieder des Nordatlantischen Bündnisses,
sondern auch die anderer ähnlicher Bündnisse in übrigen
Teilen der Welt und solche, die aus politischen oder wirtschaftlichen
Gründen in ähnliche Richtung tendierten, zusammenfaßten.
Ich glaube, da ist eine Organisation zu nennen, von der in den
letzten Monaten weniger die Rede war, die ich aber immer als
zumindest symbolisch sehr wichtig erachtet habe, nämlich
die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung, die OECD. Eine grundsätzlich weltweite Organisation
von Ländern der ersten Welt. Von Ländern mit ähnlichen
politischen, wirtschaftspolitischen, verfassungspolitischen
Grundannahmen. Und das alles ist die äußere Puppe.
Und das ist der Grund, warum ich dieses Bild überhaupt
verwende, als Teil des vielleicht nicht so ganz klar definierten,
aber doch entscheidendem Westens. Das war die Organisationsform
des Westens.
Westen, - wenn man schon versucht, den Begriff zu definieren,
und wenn man zurückdenkt an die Jahrzehnte, von denen ich
bisher gesprochen habe, bedeutete jedenfalls im deutschen Fall
zweierlei: Es bedeutete einmal, dass sich hier die freien Länder
der Welt zusammengefunden haben, um sich zu verteidigen oder
ihre Position zu entfalten im Kontrast zur kommunistischen Welt.
Und natürlich war diese Puppe, die ich vielleicht etwas
irreführend russisch genannt habe, konstruiert als Gegenstück
zu den Bedrohungen von Freiheit, von Demokratie und Rechtsstaat
durch die kommunistische Welt. Vielleicht war es sogar in gewisser
Weise der wesentliche Zweck dieser Form der Organisation.
Aber der andere Aspekt des Westens, auf den ich hier nur andeutungsweise
hinweise, der aber für Deutschland nicht minder wichtig
ist, ist, dass Deutschland, Westdeutschland, ja nach 1945 einen
auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte neuen Weg
gegangen ist. Viele von Ihnen wissen von der Diskussion, die
bis heute andauert, über den sogenannten deutschen Sonderweg
in der Deutschen Geschichte. Deutschland ist nach dem Zweiten
Weltkrieg über die Geschichte der alten Bundesrepublik
ganz abgegangen von den historischen Versuchungen, die es auf
andere Wege, autoritäre Wege geführt hat, Und hat
sich hingewendet zu den Werten von Demokratie, Marktwirtschaft
und Bürgergesellschaft, den Kernwerten dessen, was, für
mich jedenfalls, der Westen bedeutet.
Ich sehe den Westen vor allem im Lichte der Aufklärung.
Ich glaube dass die Kant'sche Formel vom Ausgang des Menschen
aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ganz gut beschreibt,
was mit Westen beabsichtigt ist: Offene Gesellschaften, Gesellschaften,
die bereit sind, Neues zu versuchen und ihre Fehler innerhalb
ihrer Institutionen zu korrigieren. Gesellschaften, die auf
die Eigentätigkeit von Menschen bauen, Gesellschaften,
in denen ein Maß an Vernunft vorherrscht. Und Gesellschaften,
die gekennzeichnet sind durch die Herrschaft des demokratisch
gesetzten Rechtes. Ich glaube, dass dies ein Kernstück
westlicher Werte ist. Und wenn ich das im Vorgriff sagen darf,
dass es damit auch ein besonderes Vergehen gegen westliche Werte
ist, wenn genau diese Grundsätze der Herrschaft des Rechts
von Ländern des Westens verletzt werden. Ich glaube zugleich,
dass hier genau der Punkt ist, an dem eine nicht so leicht überwindbare
Problematik entsteht. Wenn westliche Länder oder - allgemeiner
- westliche Werte konfrontiert sind mit Gesellschaften, in denen
das Recht eben nicht demokratisch gesetzt, sondern offenbart
und von Wenigen verwaltet ist. Konfrontiert ist mit Ländern,
in denen die Sharia, aber auch das kanonische Recht, auch das
rabinische Recht und dann auch eine Art fundamentalistischer
Rechtsbegriff vorherrscht. Ich glaube, dass die Auseinandersetzung
über "the rule of law", und darüber, was
das in freien Ländern bedeutet, ein Kernstück der
großen Thematik unserer Zeit ist.
Aber der Hauptpunkt, warum ich dieses Bild noch einmal in Ihre
Erinnerung gerufen habe, dieses schöne, fast idyllische
Bild der ineinander passenden Politiken auf den verschiedenen
Ebenen - deutsch, deutsch-französich, europäisch,
atlantisch, weltweit, marktwirtschaftlich und dann westlich
- ist, dass sich das inzwischen in wesentlichen Punkten verändert
hat.
Für mich ist der entscheidende Einschnitt nach wie vor
das Jahr 1989. In Deutschland sagen viele 1990. 1989 also das
Jahr der Revolution, in der der Kommunismus in zahlreichen Ländern,
viele davon jetzt an der Schwelle zur Mitgliedschaft bei der
Europäischen Union, zusammengebrochen ist. Das hatte viele
Folgen. Ich nenne mal drei. Eines ist ein außerordentlicher
Prozess der Befreiung. Und das sollten wir nie vergessen. 1989
hat Grenzen geöffnet, die Jahrzehnte lang Möglichkeiten
der individuellen und gesellschaftlichen, der wirtschaftlichen
und politischen Entwicklung versperrt haben. Ich habe den Titel
vom Ende der Geschichte in Fukujamas Buch nicht nur aus offenkundigen
Gründen immer falsch gefunden, sondern vor allem darum,
weil an sich das Umgekehrte passiert ist. Die Geschichte war
blockiert, sie war jahrzehntelang blockiert. Durch zwei nebeneinander
existierende Blöcke, die aufeinander starrten. Sie ist
durch den Zusammenbruch des Ostblocks und der kommunistischen
Welt geöffnet worden für Entwicklungen. Sie hat gerade
begonnen mit diesem Jahr 1989, nach einer langen Periode der
Stagnation.
Alles, was wir heute Globalisierung nennen, ist auch ein Resultat
der Öffnung der Grenzen, die bis 1989 durch politisch-militärische
Machtblöcke fixiert waren. Das sollten wir nie vergessen,
das ist eine Veränderung von großer und nachhaltiger
Bedeutung.
Es hat der selbe Prozess, und das ist eine zweite Konsequenz,
allerdings auch offenkundig eine gewisse Desorientierung zur
Folge gehabt. Das heißt: die klaren Orientierungsmaßstäbe
des Kalten Krieges sind nicht mehr da. Alte Strukturen verlieren
in gewisser Weise ihre Bedeutung. Man könnte an der ja
nicht ganz einfachen Geschichte der NATO in der Zeit nach 1989
ablesen, wie diese Desorientierung sich noch auf die stärkste
Organisation im Atlantischen Bereich ausgewirkt hat. Wenn mein
Eindruck mich nicht täuscht, ist es noch heute schwierig
für die NATO, ihre Position in der nicht mehr durch klare
Grenzziehungen definierten Welt zu bestimmen.
Und dann ist natürlich durch 1989 auch die außerordentliche
Macht der Vereinigten Staaten von Amerika allgemein sichtbar
geworden. In gewisser Weise, in vielfacher Weise existierte
sie schon vorher. Und manche, die jetzt plötzlich amerikanische
Hegemonie entdecken, haben nicht so genau verfolgt, wie das
eigentlich in den Jahrzehnten vor 1989 war.
Die Vormacht der Vereinigten Staaten war der große Schutz
für Deutschland, insbesondere für Berlin, aber auch
für den Westen überhaupt. Die Vormacht der Vereinigten
Staaten war ganz sicher spürbar in anderen Teilen der Welt,
in Lateinamerika und vor allem in Asien. Sie ist nichts Neues,
ist nicht geschaffen worden durch die letzten Jahre. Sie ist
allenfalls offengelegt worden.
Und damit stellen sich neue Fragen. Die schwierigste dieser
Fragen ist eine Frage, mit der der Europäische Konvent
sich vergebens herumschlägt. Nämlich die Frage: Warum
eigentlich unter solchen Umständen eine immer engere europäische
Union? Warum eigentlich dieses Europa? In der Zeit der russische
Puppe war es nicht schwer, das zu begründen. Es ergab sich
letzten Endes aus dem Wunsch, auf den Scherben von 150 Jahren
des Bürgerkrieges eine friedliche Ordnung zu schaffen,
in der es sowohl für Freiheit, als auch für den Wohlstand
der Bürger gedeihliche Entwicklungen gibt. Aber in dem
Augenblick, in dem dann das nicht mehr so eindeutig definiert
werden kann, weil es nicht mehr eingebunden ist in das atlantische
und das westliche Bündnis, in die westlichen Beziehungen,
sind die alten Motive nicht mehr zureichend. Das spüren
viele, und auch wenn man mit Recht zuweilen die Grundmotive
der europäischen Einigung wieder in Erinnerung ruft, ist
doch eindeutig, dass das allein nicht reicht.
Was aber dann?
Was ist dann der Grund für die immer engere europäische
Union?
Und hier ist nun etwas geschehen, was für mich der Ausgangspunkt
einer Position ist, die sich sehr unterscheidet von der in Deutschland
verbreiteten. Hier ist es nämlich geschehen, dass im zunehmendem
Maße - ausdrücklich oder unausdrücklich - die
europäische Zukunft begründet wird durch den Versuch,
anders zu sein als die Vereinigten Staaten von Amerika, und
das auch als solches deutlich zu machen.
Es ist die Rede von den zwei Säulen des Westens: der amerikanischen
und der europäischen, die sich in irgendeinem Sinne ergänzen
und die gemeinsam diese westlichen Werte tragen. Obwohl, wenn
man versucht, das genau zu durchdenken, man schon in schwierige
Fragen kommt, nämlich in die Frage: Warum eigentlich die
zwei Säulen? Was ist dabei der spezifische europäische
Beitrag? Dann ist manchmal die Rede von dem europäischen
Sozialmodell, das aufrecht erhalten werden muss, entgegen dem
vermeintlichen amerikanischen Sozialmodell, in dem, wie viele
meinen, die Einzelnen völlig sich selber überlassen
sind und das Element der Solidarität zu kurz kommt. Es
ist auch die Meinung dann, von eigenen Beiträgen in den
internationalen Beziehungen. Und da kommt man dann schon relativ
nah an die Welt, die der amerikanische Autor Robert Kagan in
seinem nicht uninteressanten Buch, auch wenn man nicht von all
seinen Schlussfolgerungen überzeugt ist, unlängst
dargelegt hat. Das Buch heißt übrigens in deutsch
"Macht und Ohnmacht". Auf Englisch hat es einen viel
schöneren Titel. Da heißt es nämlich: "Of
Paradise and Power."
Was er gegenüberstellt, ist die eine Seite der Welt, in
der Macht eine wesentlich Rolle spielt, auch die Macht, die
man international ausübt, und die andere Seite der Welt,
in der, ich will einmal einen kantischen Begriff verwenden,
in der Arkadien sozusagen der Traum der Menschen ist, das friedliche
Miteinander-Auskommen in einer idyllischen Welt, in der es keine
Gewalt gibt und möglichst auch keine Machtausübung.
Kagan, der offenbar von Kant vornehmlich den Titel seiner Schrift
vom ewigen Frieden zur Kenntnis genommen hat, übersieht,
dass gerade Kant ein ganz anderes Gesellschaftsbild hat, und
Dinge sagt, die mehr in die Richtung Mars als in die Richtung
Venus gehören, nämlich, dass der Natur gedankt werden
muss für die menschliche Begierde zum Haben und auch zum
Herrschen, dass erst dadurch Leben in die Gesellschaft kommt,
dass gerade die arkadische Existenz nicht wünschenswert
ist, weil sie dem menschlichen Dasein keinen Wert verleiht,
der größer wäre, als der Wert der Schafe, die
sie hüten. Das heißt, es gibt immerhin in Europa
eine Vorstellung, dass hier Dinge anders getan werden und zwar,
um es konkret zusagen, man verhandelt und man führt keine
Kriege, man redet, man kämpft nicht.
Hier kommt dann ein Punkt, an dem die Definition Europas und
seiner Identität die Begründung der Europäischen
Einheit nicht mehr einfach bei dem statischen Bild von zwei
Säulen bleibt, sondern doch auch Untertöne bekommt,
wonach Europa sozusagen gegen Amerika sich formieren und organisieren
soll. In einer ganzen Reihe von europäischen Ländern
findet man heute eine Meinung, die, wenn sie höflich formuliert
wird, besagt: So wie Amerika wollen wir nicht sein, wir machen
das anders, wir machen das besser und wir müssen uns auch
von Amerika absetzten und müssen da eine eigene Position
entwickeln.
Ich halte das für verderblich. Ich halte das für einen
gefährlichen Irrweg und ich glaube, wenn Europa diesen
Weg weitergeht, und gar zum Prinzip erhebt, dann wird es dabei
eine Menge Unterstützung bei denen verlieren, die an sich
ein Europa im Westen wollen. Ich glaube, dass es verderblich
ist, aus drei Gründen:
Erstens einmal: es wird einfach nicht funktionieren. Die Welten
Europas und der Vereinigten Staaten sind nicht gleichgewichtig.
Es ist wahr, dass in Europa und vor allem in Deutschland Macht,
und alles was mit Machtpolitik zu tun hat, unbeliebt geworden
ist. Es ist vielleicht auch gut so, aber es ist nicht wahr,
dass man sich völlig abkehren kann von der Machtpolitik
und glauben, dass man damit eine andere Art von Macht entwickelt
und aufrecht erhält.
Der amerikanische Politologe und früheres Regierungsmitglied
Joseph S. Nye hat ja diese Begrifflichkeit von Hardpower und
Softpower eingeführt. Die einen haben also die harte militärische
Macht, und die anderen die weiche Macht ihrer Diplomatieverhandlungsführung,
vielleicht der wunderbaren Qualitäten ihrer Sozialmodelle.
Ich bin da nicht so sicher. Ich bin insbesondere nicht sicher,
ob es irgendeinen Sinn ergibt, zu sagen, dass die Vereinigten
Staaten vornehmlich harte Macht besitzen und Europa vornehmlich
Weiche.
Richtig ist, dass Europa keine militärische Macht hat,
die sie mit der der Vereinigten Staaten auch nur annähernd
messen kann. Aber ich glaube auch nicht, dass die weiche Macht
Europas überschätzt werden sollte. Man darf nie vergessen,
dass wahrscheinlich die Mehrzahl der Menschheit individuell
am liebsten in die Vereinigten Staaten immigrieren würde.
Man darf nie vergessen, dass die Vereinigten Staaten vielleicht
von vielen gehasst sind, aber oft von den selben Leuten auch
erträumt. Und wenn sie könnten, würden sie als
einzelne dahin gehen. Wenn das nicht weiche Macht ist, Softpower,
dann weiß ich nicht, was Softpower ist. Und ich schätze
mal, dass die Vereinigten Staaten keineswegs nur durch harte
Macht gekennzeichnet sind.
Europa wird also, und das ist mein erster Einwand gegen die
Definition der europäischen Zukunft anhand der Vereinigten
Staaten und tendenziell gegen die Vereinigten Staaten: Europa
wird das einfach nicht können, sondern wird sich darauf
einstellen müssen, dass es in entscheidender Hinsicht in
dieser Zeit eine große, starke, (stärker als alle
anderen), westliche Macht gibt, nämlich die Vereinigten
Staaten von Amerika, die ähnliche, weithin deckungsgleiche
Werte vertreten, wie die meisten europäischen Länder.
Mein zweiter Punkt ist: Europa wird es auch nicht wollen. Ich
habe natürlich, wie manche unter Ihnen, die deutschen Debatten,
auch die philosophischen Debatten, zu diesem Thema verfolgt,
und ich höre gelegentlich den Begriff Kerneuropa.
Ich glaube, es wäre nicht unwichtig, dass man sich diesen
Begriff abgewöhnt und sich etwas genau umguckt unter den
europäischen Ländern und sich auch etwas genau ansieht,
was so in Wahrheit in Europa, in den europäischen Ländern
gedacht wird. Das ist nicht identisch mit dem, was deutsche,
französische, italienische Philosophen meinen, dass es
in Europa gedacht wird, sondern geht in manche andere Richtung.
Ich finde es sehr auffällig, dass, je später Länder
zur europäischen Union gekommen sind, sie sich desto deutlicher
daran erinnern, dass sie ihre Freiheit nicht zuletzt den Vereinigten
Staaten von Amerika verdanken. Und viele würden sagen:
in erster Linie den Vereinigten Staaten von Amerika, so wie
es in Deutschland ja nach 1945 auch war.
Es wird gut sein, sich daran zu gewöhnen, dass es nicht
diesen Kern Deutschland-Frankreich gibt; und all die anderen,
die da rumwuseln, sind eigentlich eher am Rande beteilligt und
sollten zunächst einmal still sein. Sondern dass es ganz
andere Strukturen in dem größeren Europa gibt, mit
einer vielfältigeren Meinungsbildung, mit einem Spektrum,
in dem Auffassungen, die in Deutschland und Frankreich nicht
dominieren, eine große Rolle spielen.
Ich bin auch der Meinung, dass die Acht nicht hinter dem Rücken
der Zwei einen Brief geschrieben haben, sondern dass die Zwei
hinter dem Rücken der Acht und vieler anderer eine Erklärung
abgegeben haben, in der sie behauptet haben, sie sprechen für
Europa, was sie offenkundig nicht getan haben. Es heißt,
wir leben da in einem komplexeren Europa, in dem diese Vorstellung,
dass man Europa gegen Amerika wahren kann, einfach abwegig ist.
Und dann drittens: Europa sollte es nicht versuchen, in dieser
Weise seine Identität und seine Zukunft zu definieren.
Die Spaltung des Westens ist eine Abkehr vom Westen.
Ich bin zunächst und in erster Linie ein Mensch des Westens
und erst dann ein Europäer. Für mich ist Amerika ein
essentieller Teil des Westens, einer der wichtigsten. Ich halte
die amerikanische Verfassung für eine der ganz großen
Leistungen der Menschheit, und glaube auch, dass die Art und
Weise, in der Aufklärung in Amerika zu angewandter Aufklärung
geworden ist, heute für uns alle eine Lehre ist.
Das heißt nicht, dass man keine Kritik an amerikanischen
Dingen üben kann, aber hier komme ich in ein schwieriges
Gelände. Auch Freunde kritisiert man ja nicht in ihrer
Grundexistenz. Und auch wenn man mit ihnen anderer Meinung ist
in wichtigen Punkten, und meint, sie seien auf Abwege geraten
in diesem und jenem, bezweifelt man nicht, dass sie im Grundsatz
Freunde sind. Und dass, was ihnen wirklich wichtig ist, anerkannt
wird, denn sonst hört die Freundschaft auf. Ich habe von
Anfang an, schon vor einem Jahr, mit großer Deutlichkeit,
das was in Guantanamo Bay geschieht, kritisiert. Präzis:
weil es eine Abkehr von westlichen Werten ist. Weil hier eine
Verletzung von Grundwerten der westlichen Existenz in der rule
of law stattfindet, wenn man sagt, dass bestimmte Menschen überhaupt
keine Rechte haben, weil sie Combatants sind und wären
sie nicht auf offenem Feld erschlagen oder erschossen worden,
könnte man sie noch heute erschießen. Auf der anderen
Seite ist meine Meinung, dass es zum Westen gehört, dass
wir bereit sind, unsere Werte zu verteidigen.
Ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich glaube auch, das es
zum Westen gehört, dass wir bereit sind, mit unseren Werten
an anderen Orten zu intervenieren. Wir tun es übrigens
auch ständig. Nicht immer militärisch. Aber um das
noch mal denen zu sagen, die gegen jede Intervention sind: Was
die europäische Union in den Beitrittsländern an Intervention
gemacht hat, geht viel weiter, als das, was heute in aller Regel
diskutiert wird. Nach meiner Meinung war das richtig. Aber es
ist schon hart an der Grenze dessen, was unter allgemeinen Aspekten
zu vertreten ist. Und ich habe auch immer meine Zweifel daran
gehabt, ob es richtig ist, Polen zu zwingen, dutzende, am Ende
hunderte von Gesetzten in kürzester Zeit zu beschließen,
um europakonform zu werden. Und das heißt, sie in einer
Form zu beschließen, die ganz sicher nicht voll verträglich
ist mit der demokratischen Kontrolle der Gesetzgebung, wie wir
sie verstehen und verstehen wollen.
Und wenn Leute sagen, man soll nicht Kriege führen, sondern
Armut bekämpfen, dann kann ich dem nur hinzufügen:
Armut bekämpfen verlangt Interventionen in Ländern
der Dritten Welt von einer Intensität, einem Detail und
einer Tiefe, die mindestens so weit gehen, wie eine kriegerische
Intervention es zuweilen tut. Also Intervention ist ein großes
und schwieriges Thema und während man Kritik an Manchem
üben mag, was selbst eine Verletzung westlicher Werte ist,
bin ich persönlich ganz anderer Meinung, was die Grundrichtung
in den letzten Monaten der Politik der Vereinigten Staaten und
Großbritanniens angeht.
Die Aufgabe ist nach meiner Meinung, in der anderen Situation
der Welt nach 1989, den Westen zu erneuern. Und ich sehe die
Europäische Union vor allem als einen Schritt in die richtige
Richtung, in die notwendige Richtung. Als einen Schritt in eine
Richtung, die am Ende Geltung haben kann weit über die
Grenzen Europas hinaus. Man zögert allzu leichtfertig von
Weltbürgergesellschaft und Weltbürgertum zu reden,
und ich teile nicht den fast hemmungslosen Optimismus von Ulrich
Beck, der meint, dass mit der Globalisierung die Weltbürgergesellschaft
schon gekommen ist. Aber ich teile und verfechte die Meinung
von Immanuel Kant, in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte
in weltbürgerlicher Absicht, der da sagt, wir sollten immer
heute schon so handeln, dass die Prinzipien, nach denen wir
handeln, auch Prinzipien einer Weltordnung sind, einer republikanischen,
wie er sagen würde, einer demokratischen Weltordnung. Einer
Weltordnung, in der es Konflikte gibt, in der es Gegensätze
gibt, aber in der es einen Weg zu mehr Freiheit für mehr
Menschen gibt. Und ich verstehe die Europäische Union vor
allem als Schritt in diese richtige Richtung. Das kann sie aber
nur sein, wenn sie sich selber als Teil eines Westens versteht,
den neu zu definieren vielleicht heute die größte
Aufgabe ist.
Thomas Dörflinger MdB: Herzlichen Dank, Lord Dahrendorf
für Ihre Ausführungen. Karsten Voigt, Sie haben das
Wort.
(das Referat von Karsten Voigt wird in Kürze hier veröffentlicht)
Zurück zur Startseite...