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Dahrendorf
kritisiert Schröders Europa-Konzept
Als
ein ebenso konfuses Konzept wie das von Joschka Fischer
kritisiert der Soziologe Ralf Dahrendorf die Vorschläge von Bundeskanzler
Gerhard Schröder für einen europäischen Bundesstaat.
Dahrendorf im WirtschaftsWoche-Gespräch über populistische
Politiker und die Chancen Europas.
Lord
Dahrendorf, in Amerika hat George W. Bush die Demokraten abgelöst,
in Italien nun ein Rechtsbündnis die Wahlen gewonnen. Gibt es eine
erneute konservative Revolution?
Nein,
das sind zu große Worte. Alle diese Wahlen sind knapp ausgegangen.
Die so genannte neue linke Revolution hat es ja in Wahrheit nie gegeben.
Tony Blair hatte in England 43 Prozent der Wählerstimmen bekommen,
die italienische Linke hatte nie die Mehrheit, sondern konnte nur mit
Hilfe von schwankenden Mittelparteien regieren. Auch in Österreich
waren die Veränderungen gering. Was man in Europa jetzt sieht
von den USA ganz zu schweigen, wo es keineswegs sicher ist, wer eigentlich
die Wahl gewonnen hat ist, dass es keine in irgendeinem Sinne
ideologischen Mehrheiten gibt, sondern dass eine sanfte, ganz sanfte
Linksbewegung jetzt in eine ebenso sanfte Rechtsbewegung übergeht.
Aber
es gab doch so etwas wie den Niedergang von konservativen Parteien in
Großbritannien, den Niederlanden und in Italien. War das nicht
mit einem Erstarken der Linken verbunden?
Das
sehe ich ganz anders. In Italien sind die Christdemokraten Ende der
Neunzigerjahre in die Brüche gegangen, aber man wird schwerlich
Romano Prodi (Ministerpräsident von 1997 bis 1998, Anm. der Red.)
als Sozialisten bezeichnen können, und auch die Position des späteren
Regierungschefs Giuliano D'Amato ist nicht leicht in solchen Kategorien
zu beschreiben. In den Niederlanden sind die Christdemokraten zum ersten
Mal seit Jahrzehnten nicht mehr an der Regierung, aber wenn Sie schon
von links und rechts reden wollen, sind die niederländischen Liberalen
weit rechts von den Christdemokraten.
Bedeuten
denn die Begriffe links und rechts heute überhaupt nichts mehr?
Sie
beschreiben jedenfalls nicht sehr gut, wofür zum Beispiel Blair
oder auch Gerhard Schröder stehen.
Wie
würden Sie denn deren Politik beschreiben? Als Populismus?
Das
ist sicher eine sehr starke Tendenz weg von den traditionellen
Positionen der Parteien hin zu einer Politik, die sich orientiert an
den sich rasch verändernden Stimmungen in der Wählerschaft.
Wenn die Ökosteuer unbeliebt ist, dann wird sie mal für ein
Jahr ausgesetzt.
In
Italien übernimmt ein Manager die Staatsführung. Wird das
zum Vorbild?
Das
wird in vielen Ländern Europas so gesehen. Ich glaube aber, Unternehmer
scheitern in der Politik. Das ist eine andere Welt. Dort können
Unternehmer entweder nur Fußnoten oder Versager sein wobei
mir Berlusconi beim zweiten Anlauf als Regierungschef diesmal mehr Politiker
als Unternehmer zu sein scheint.
Er
ist offensichtlich gerade von Angehörigen der Mittelschicht gewählt
worden. Sehnt die sich nach einem starken politischen Führer, der
aus der Wirtschaft kommt?
Ich
glaube, es gibt etwas ganz anderes: eine stark situationsbezogene, eine
Art Wegwerf-politik. Die Leute wählen so, wie sie einkaufen und
konsumieren rasch, was sie eingekauft haben. Sie sind wenige Wochen,
nachdem sie jemanden gewählt haben, durchaus bereit, auf die Straße
zu gehen und gegen diesen Jemand zu demonstrieren. Es gibt keine Kontinuität.
In der Politik wie im Leben spielen die Berühmtheiten
des Tages die große Rolle. Daher sind diese Politiker immer in
dem Dilemma, dass man ihnen vorrechnet, was sie letztes Jahr gesagt
und dann tatsächlich getan haben. Aber das stört sie nicht
und offensichtlich auch nicht die Wähler.
Schnelllebigkeit
ist Triumph, das Prinzip der New Economy. Führt diese auch zu einer
New Society?
Na,
die New Economy fährt ja nicht so gut im Moment. Und wie das mit
der New Society ist, das muss sich erst noch herausstellen. Wir haben
aber sicher Gesellschaften, die geprägt werden durch den raschen
Aufstieg einer kleinen aber einflussreichen globalen Klasse mit sehr
eigenen Interessen.
Diese
durch die ganze Welt vagabundierende Klasse könnte doch eine ganz
neue Art von Gesellschaft schaffen. Sie kümmert sich nicht um staatliche
Institutionen und regiert sich in ihrem Netzwerk völlig autonom.
Sicher
zielt diese Klasse eher auf die Minimierung des Staates als auf seine
Stärkung.
Eine
typisch liberale Grundhaltung. Führt der Aufstieg dieser Klasse
zu einer Renaissance des Liberalismus?
Ich
zögere ein bisschen bei dem Wort Liberalismus. Aber ohne Zweifel
haben wir in den letzten 20 Jahren eine enorme Renaissance der Suche
nach Freiheitsspielräumen erlebt in allen entwickelten Ländern
und über die hinaus.
Wird
dieser Trend auch entscheidend sein für Europa und die europäische
Einigung?
Liberale
sind eigentlich an weltweiten Entwicklungen interessiert, weniger an
Regionen. Europa scheint mir eher eine Utopie der Linken zu sein, und
zwar einer Linken, die im Kern nicht liberal ist.
Europa
nur eine Utopie ist das nicht ein bisschen untertrieben?
Nun
ja, Europa ist ein einheitlicher Markt. Das ist eine große Errungenschaft.
Die große Frage der nächsten Jahre lautet: Ist die gemeinsame
Währung der Schlussstein des einheitlichen Markts oder der Anfang
einer weiter reichenden politischen, vor allem wirtschaftspolitischen
Einheit?
Und
wie lautet Ihre Antwort?
Ich
neige zu der Meinung des französischen Notenbankpräsidenten
Jean-Claude Trichet, dass die Währung Schlussstein ist und dass
sowohl die Wirtschafts- als auch die Sozialpolitik im Wesentlichen national
bleiben sollten.
Wie
beurteilen Sie das Schrödersche Konzept für einen europäischen
Bundesstaat?
Das
ist ein genau so konfuses Konzept wie das von Joschka Fischer. Wenn
einerseits von der Renationalisierung wichtiger Politiken die Rede ist
und gleichzeitig von einer Kommission als europäischer Exekutive,
dann passt das nicht zusammen und hat keinen großen Realitätsgehalt.
Es
wird hier und da schon vermutet, dass hinter Schröders Vorstoß
lediglich neuer deutscher Machtwille steht.
Das
denkt man besonders in Großbritannien. Aber ich sehe hinter Schröders
Vorstoß keinen Machtwillen, sondern pure Verlegenheit. Weil es
keine gemeinsamen Politiken in Europa gibt, wird über Institutionen
geredet. Das wird mit der Osterweiterung gerechtfertigt. Schon deswegen
müsse es eine Reform der Institutionen geben.
Warum?
Ich verstehe das nur, wenn jemand mir sagen kann, wir wollen A, B und
C tun, leider geht das nicht, weil die Institutionen uns daran hindern.
Aber das höre ich nie, sondern nur eine leere Institutionendebatte.
Europa sollte lieber auf Dinge reagieren, die sonst in der Welt geschehen,
statt irgendwelchen großen Plänen nachzulaufen.
Europa
müsse auch deswegen gestärkt werden so lautet das Argument
, um im Wettbewerb mit den USA gleichzuziehen.
Das
ist für mich eine abenteuerliche Vorstellung. Das Letzte, was ich
politisch erreichen will, ist ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten
zu schaffen. Ich bin entsetzt, wenn mir der polnische Unterhändler
bei der Europäischen Union sagt, dass Polen unterschreiben muss,
in Zukunft im Fernsehen mehr als 50 Prozent europäische Fernsehprogramme
zu zeigen. Ich bin gegen ein antiamerikanisches Europa. Und die Vorstellung,
dass man eine gemeinsame Währung braucht, um gegen den Dollar Krieg
zu führen, scheint mir nicht nur läppisch, sondern auch gefährlich
zu sein. Läppisch, weil Währungen so nicht funktionieren,
gefährlich, weil diese Vorstellung davon ausgeht, dass der große
Feind auf der anderen Seite des Atlantik steht.
Aber
oft setzen die USA die Interessen ihrer Wirtschaft massivst und ohne
Rücksicht auf die Europäer durch. Da wäre es doch gut,
als Gegenmacht ein starkes Europa zu haben.
Wenn
man das zum Extrem führt, dann schafft man im Weltmaßstab
das wieder, was Europa 200 Jahre gemacht hat: Kriege zwischen den großen
Mächten. Wenn es nicht bis zum Extrem geführt wird, bin ich
sehr dafür, dass es stärkere Konkurrenz gibt.
Gilt
das auch für den Euro?
Das
halte ich für ganz abwegig. Denn was heißt Gegenmacht? Ich
hätte nichts dagegen, wenn es eine Weltwährung gäbe.
Ich glaube, dass wir in eine Zeit eingetreten sind, in der Währungen
eine viel stärker technische Funktion haben. Das britische Gerede
über das Pfund als Inbegriff von 2000 Jahren britischer Geschichte
ist lächerlich.
Wenn
Sie Europa als Gegengewicht zu den USA für abwegig erklären,
heißt das im Umkehrschluss, dass Europa sich am US-Modell orientieren
soll?
Nein.
Ich bin der Meinung, dass nichts an der Globalisierung andere Länder
dazu zwingt, dem amerikanischen Unternehmensmodell und der in Chicago
gepredigten Wirtschaftspolitik zu folgen. Ich halte beispielsweise die
deutsche Wirtschaftsgesellschaft für enorm erfolgreich und
auch die italienische.
Wie
bitte? Italien und Deutschland liegen beim Wirtschaftswachtum seit Jahren
unter dem EU-Durchschnitt.
Ach,
solche Makrozahlen schüchtern mich nicht ein. Nehmen wir mal die
Arbeitslosigkeit. Ein italienischer Arbeitsloser sitzt nicht auf der
Straße, verarmt nicht. Er hat einen zweiten Job in der Schattenwirtschaft
und die Familie im Rücken. Ein britischer Arbeitsloser hat keine
Alternativen und ein amerikanischer Arbeitsloser schon gar nicht. In
großen Teilen Italiens herrscht Wohlstand. Und wenn ich in Deutschland
das Wort Kapitalismus pur höre, kann ich nur lachen. Kapitalismus
pur hat Deutschland noch nie gesehen und wird es wahrscheinlich auch
nie erleben.
Kapitalismuskritiker
und Globalisierungsgegner wettern vor allem gegen die Dominanz des US-Modells
und der US-Kultur. Zu recht?
In
solchen Protesten steckt schon deshalb ein antiamerikanischer Akzent,
weil Protestierende immer gerne einen Feind haben wollen. Aber dahinter
steckt mehr eine diffuse Wut darüber, dass man keinen Einfluss
hat auf wichtige Entscheidungen, sei es auch nur durch die Wählerstimme.
Gibt
es denn noch eine Chance, diesen Einfluss wiederzugewinnen?
Das
ist schwierig. Rechtliche und rechnungshofartige Kontrollen kann ich
mir leichter vorstellen als Methoden, um die Stimme des Volkes direkt
einzubringen in Prozesse, die in sehr viel größeren und diffusen
Räumen stattfinden. Dazu ist neue institutionelle Fantasie notwendig,
um Selbstbestimmung und Machtkontrolle durchzusetzen.
Stattdessen
scheinen viele als Alternative nur den Rückzug auf die kleinste
politische Einheit anzusehem nämlich das schrankenlose Ego.
Das
wäre eine der Gefährdungen in einer Welt, bei der die Grenze
zwischen Individualismus und Anonie oder auch Anarchie oft nicht leicht
zu ziehen ist. Das wäre dann die Wiederkehr von Thomas Hobbes
der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Die ganze Geschichte würde
wieder von vorne anfangen.
BOLKE BEHRENS/KLAUS METHFESSEL
Letzte
Aktualisierung: 21.05.2002
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